Deutschland: Demographische Entwicklung in den neuen Bundesländern

26. Juni 2007

Die Bevölkerung in Ostdeutschland wird in den nächsten Jahren deutlich altern und schrumpfen. Die Abwanderung v. a. junger und gut qualifizierter Frauen schafft in einigen Regionen einen Männerüberhang in bestimmten Altersgruppen. Auf diese Entwicklung weisen verschiedene aktuelle Veröffentlichungen hin.

Bevölkerungsrückgang: Das Statistische Bundesamt hat am 22. Mai die Ergebnisse der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung nach Bundesländern veröffentlicht (vgl. MuB 10/06). Danach wird die Bevölkerung in Ostdeutschland im Zeitraum von 2006 bis 2050 weiter auf 9,1 Mio. sinken (-31 %). In den alten Bundesländern dagegen ist mit einem Bevölkerungsrückgang von nur 14 % auf 54,4 Mio. zu rechnen. Damit verstärkt sich die demographische Kluft zwischen Ost und West.

Alterung: Der Osten Deutschlands wird zukünftig auch von der fortschreitenden Alterung viel stärker betroffen sein als der Westen. Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter wird in Ostdeutschland besonders stark sinken, von 8,0 Mio. im Jahr 2010 auf 4,3 Mio. im Jahr 2050. Der Altenquotient wird sich im Osten von heute etwa 35 bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppeln und dann 80 betragen. Er zeigt, wie viele Senioren (65+ Jahre) auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis unter 65 Jahre) entfallen. Der Westen Deutschlands weist zurzeit einen etwas niedrigeren Altenquotienten von etwa 32 je 100 auf, der auch geringfügiger steigen wird, auf 62 im Jahr 2050.

Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) analysiert die regionale Zweiteilung des demographischen Alterungsprozesses für den Zeitraum 1991 bis 2005. Der Prozess in Westdeutschland war schwächer ausgeprägt und fand seine Ursache eher in der anwachsenden Zahl Älterer. Die ostdeutsche Bevölkerung schrumpfte und alterte deutlich schneller, v. a. infolge der starken Abwanderung der Jüngeren: „Hier kommt, ohne zu verkennen, dass auch Fertilität und Mortalität regionale Unterschiede aufweisen, in erster Linie den Wanderungen zwischen den Bundesländern eine besondere Bedeutung zu.“ (siehe auch S. 2, Kurzmeldungen).

Abwanderung von jungen Frauen: Besonders die Abwanderung junger gut ausgebildeter Frauen führt nach einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die ebenfalls Ende Mai in Berlin vorgestellt wurde, zur Bildung einer „neuen Unterschicht“ im Osten: männlich, ungebildet, desinteressiert, einsam. Durch den Männerüberschuss verschlechtere sich nicht nur das soziale Klima, auch verlören betroffene Regionen weiter an demographischen Zukunftschancen, da potenzielle Mütter fehlten.

Gründe für die Abwanderung der Frauen gen Westdeutschland sehen die Forscher in erster Linie in den unterschiedlichen Bildungsniveaus junger Männer und Frauen. Es mangele auch an Anreizen für eine Rückkehr: Im Osten fehle es schlicht an Männern, „die den Ansprüchen der Frauen genügen würden“, so die Studie. Dass unter den Abwanderern seit Jahren besonders viele qualifizierte Frauen im reproduktionsfähigen Alter sind, hat das Statistische Landesamt des Freistaats Sachsen allerdings schon in der ersten ostdeutschen Abwanderungsanalyse Ende 2002 herausgefunden.

Erste Reaktionen aus Politik und Verwaltung greifen zu kurz. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hofft durch den Ausbau von zwei Modell-Regionen den Abwanderungstrend zu stoppen. Klaus Mättig (CDU), Oberbürgermeister der Kreisstadt Freital in Sachsen, erwägt Prämienzahlungen für niederlassungswillige junge Frauen. Claudia Nolden-Temke, M.A., Institut für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung, Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften

Weitere Informationen:
www.destatis.de (Statistisches Bundesamt)
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, BiB-Mitteilungen 01/2007: „Die demographische Alterung in den Bundesländern – Ein Zeitvergleich”, www.bib-demographie.de/publikat
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Mai 2007): „Not am Mann. Von Helden der Arbeit zur neuen Unterschicht? Lebenslagen junger Erwachsener in wirtschaftlichen Abstiegsregionen der neuen Bundesländer“, www.berlin-institut.org
Gosch, Sabine: „Ergebnisse der sächsischen Wanderungsanalyse“, S. 60-62, in: „Statistik in Sachsen 3/2003“, www.statistik.sachsen.de

Claudia Nolden-Temke

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