Deutschland: Gutachten zur Bevölkerungsentwicklung Brandenburgs

24. Oktober 2007

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat sich dafür ausgesprochen, mit politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen auf die demografischen Entwicklungen in Brandenburg zu reagieren. So empfehlen die Gutachter in einer Expertise beispielsweise Abwanderungsprämien, um strukturschwache Regionen zu „entleeren“ und Infrastrukturkosten zu sparen.

Box: Bevölkerungsentwicklung 2006
Im Jahr 2006 sind in Deutschland 672.724 Kinder geboren worden. Das sind 13.071 Geburten weniger als im Vorjahr (2005: 685.795). Dies entspricht einem Rückgang um knapp 2 %. Auch die Sterbezahlen sanken im vergangenen Jahr leicht (2006: 821.627; 2005: 830.227). Das Geburtendefizit bzw. der Sterbeüberschuss verursachten 2006 einen Bevölkerungsrückgang um insgesamt 148.903 Personen. Hierbei sind Zu- und Abwanderungen nicht berücksichtigt.
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In dem „Gutachten zum demografischen Wandel im Land Brandenburg“ haben sich Wissenschaftler des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit den aktuellen und zu erwartenden Bevölkerungsentwicklungen in Brandenburg sowie den daraus folgenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen befasst. Nach Erkenntnissen der Experten wird die Bevölkerungsgröße des Landes Brandenburg (rund 2,6 Mio. Einwohner) aufgrund der Abwanderungstendenzen und der Auswirkungen des Geburtenrückgangs bis 2030 um mindestens 13 % zurückgehen. Hinzu kommen die Effekte des Alterungsprozesses der Landesbevölkerung, der durch die Abwanderung der jungen Generationen zusätzlich verstärkt wird: 2030 wird jeder dritte Brandenburger älter als 65 Jahre sein, so die Prognosen der Gutachter.

Der Bevölkerungsrückgang, die Alterung und die Bevölkerungsverlagerung aus dem ländlichen Raum heraus in das Einzugsgebiet von Berlin bewirken einen allgemeinen Schrumpfungsprozess auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Dessen Anfänge seien bereits jetzt erkennbar: „Schulen werden geschlossen, Dörfer entvölkern sich, Siedlungen stehen leer und verfallen, Kanalisationssysteme und notärztliche Versorgung drohen zusammenzubrechen, die öffentlichen Haushalte verschulden sich immer mehr“, so die Studie.

Aufgrund dieser drängenden Probleme müsse ein Umdenken stattfinden und der Bevölkerungsschwund als „Politik-Thema Nummer Eins“ betrachtet werden. In der vom brandenburgischen Landtag in Auftrag gegebenen Expertise arbeiteten die Wissenschaftler „Problemknoten“ heraus, die für verschiedene Entwicklungen, darunter die Schließung von Schulen, die Abwanderung junger Frauen, den Fachkräftemangel, den steigenden Bedarf an Pflegekräften in der Betreuung von Senioren, den drohenden Kollaps des Staatshaushalts oder den Zusammenbruch der Bürgergesellschaft, verantwortlich seien. Von ihrer Lösung hänge ab, wie sich die Situation entwickle.

Das bedeutendste Problemfeld betrifft die Bildung: „Mangelnde Bildung verschärft nahezu alle Probleme des demografischen Wandels.“ So verursachten Versäumnisse im Bildungssektor hohe Folgekosten, z. B. durch Langzeitarbeitslosigkeit und Integrationsprobleme der Bildungsschwachen in die Gesellschaft. Problematisch sei außerdem eine fehlerhafte wirtschaftliche Ausrichtung, die sich nach wie vor an einem möglichen Wachstum statt am Schrumpfungsprozess orientiere.

Die konkreten Empfehlungen des Berlin-Instituts orientieren sich zum Großteil an den Erfahrungen anderer Bundesländer und anderer Nationen. So soll sich das Schulsystem an dem der dünn besiedelten Regionen in Schweden ausrichten. Dort entscheiden die Kommunen selbst, ob sie die finanziellen Mittel lieber in die Einrichtung von „Zwergschulen“ oder für ein komfortables Beförderungssystem verwenden. Die Gesundheitsversorgung solle sich an dem Poliklinik-System im finnischen Lappland orientieren. In ländlichen Gebieten könnten privat betriebene Naturparks wie in Südafrika dringend benötigte Wirtschaftsimpulse geben. Als Vorbild wird der Müritz-Nationalpark in Mecklenburg-Vorpommern mit 450 direkt und indirekt verbundenen Arbeitsplätzen aufgeführt. Initiativen wie Fahrgemeinschaften oder lokale Fahrdienste könnten im öffentlichen Nahverkehr effizientere Alternativen ermöglichen.

In einigen Regionen könnten selbst diese Maßnahmen die gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Erosion nicht verhindern. Dort soll der Staat den Abwanderungsprozess bis zur völligen „Entleerung“ geradezu fördern, lautet es in dem Gutachten. Mögliche Maßnahmen wären die Bereitstellung einer Abwanderungsprämie, die Menschen motivieren könnte, diese „Schwundstandorte“ zu verlassen. Maßnahmen wie diese seien zwar radikal, machten jedoch deutlich, dass es (nicht nur in Brandenburg) Regionen gäbe, in denen die „Entleerung der Fläche“ weder durchbrochen noch aufgehalten werden könne.

Am Ende ihres Gutachtens entwerfen die Experten ein neues „Modell für die Zukunft Brandenburgs“. Mit diesem könne das Land eine „Vorreiterrolle bei der Bewältigung des demografischen Wandels“ spielen. Der Schrumpfungsprozess offeriere auch Chancen, denn die so genannten „Anpassungslösungen an den demografischen Wandel“ seien meist „die ohnehin geforderten Nachhaltigkeitslösungen.“ Die Landespolitik soll dabei lediglich die Standards vorgeben, die der angestrebten Entwicklung zugrunde liegen. Wie diese Ziele erreicht werden können, müsse den lokalen Akteuren überlassen bleiben. Schließlich halten die Experten die schnellstmögliche Einrichtung eines brandenburgischen „Zukunftsrates“ zur Ausarbeitung neuer Strategien und zur Bündelung der Maßnahmen für dringend notwendig.

Weitere Informationen:
www.berlin-institut.org

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