Kommentar: Fußball in der Integrationsdebatte

26. Juli 2008

Als sich Deutschland und die Türkei im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft gegenüberstanden, wurde intensiv über die Integration der in der Bundesrepublik lebenden Türken debattiert. Tagelang bestimmte das Thema die Schlagzeilen in den Massenmedien. Auch auf den Straßen, in den Cafés, eigentlich überall war das Spiel Gesprächsstoff. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, zu welcher der beiden Mannschaften die türkische Community, die größte Zuwanderergruppe in Deutschland, halten würde. Von einigen Medien wurde das Spiel im Vorfeld zu einem regelrechten Lackmus-Test der Integrationspolitik stilisiert. Natürlich ist ein Fußballspiel kein probates Mittel, um den Stand der Eingliederung zu überprüfen. Doch die Frage, ob es dabei wirklich nur um Sport geht, ist berechtigt.

Festhalten muss man zunächst: Die mehr als 2 Mio. Türken und Türkeistämmigen, die in Deutschland leben, sind keine homogene Gruppe. Das wird oft vergessen, nicht nur, wenn es um Fußball geht. Einige waren für die deutsche Mannschaft, andere hielten zum türkischen Team. Und für viele stellte sich die Entscheidung „Entweder-Deutschland-oder-Türkei“ gar nicht erst. Denn viele Deutsch-Türken leben in einer „Sowohl-als-auch-Welt“. Daher verwundert es nicht, dass viele sich über einen Sieg beider Mannschaften gefreut hätten. Darin kann man mehr sehen als ein politisch korrektes Lippenbekenntnis. Es ist Ausdruck einer Lebensrealität mit Bezügen zu beiden Nationen.

Das Spiel endete 3:2 für Deutschland. Die gelöste Stimmung danach war vielerorts das erhoffte und von Politikern und Migrantenorganisationen beschworene deutsch-türkische Sommermärchen. Die Befürchtungen, dass es auf den Fanmeilen deutscher Großstädte zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Mannschaften kommen könnte, haben sich als unbegründet erwiesen. Hier unterscheidet sich Deutschland von einigen Nachbarländern, wie zum Beispiel Frankreich, Großbritannien oder Spanien.

Zu bedauern ist, dass kein türkei-stämmiger Spieler im deutschen EM-Kader stand. Stattdessen standen in der türkischen Halbfinalelf zwei Spieler, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und somit auch für die DFB-Auswahl hätten spielen können. Denn Spitzensportler können wichtige Vorbilder sein. Man denke nur an den ehemaligen französischen Weltfußballer Zinedine Zidane. Der im südfranzösischen Marseille aufgewachsene Sohn algerischer Einwanderer wurde als Kapitän der Equipe Tricolore für eine ganze Generation von Jugendlichen aus Einwandererfamilien zur Identifikationsfigur.

Diese Diskussionen fügen sich ein in eine breitere Integrationsdebatte, die seit einigen Jahren dauerhaft geführt wird. Das Dogma der Nichteinwanderungsgesellschaft ist endgültig überwunden. Und dennoch bleibt viel zu tun – trotz Zuwanderungsgesetz und Nationalem Integrationsplan. Der Anteil der deutschen Bevölkerung mit Migrationshintergrund wird weiter zunehmen. Ausruhen darf sich niemand, auch deshalb nicht, weil es sich die deutsche Gesellschaft nicht leisten kann, die Potentiale von Einwanderernachfahren zu verschenken. Und das gilt nicht nur im Fußball.

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