Mit Karten argumentieren: Ein machtvolles Instrument der Migrationskontrolle - und für den Widerstand dagegen

11. Juni 2015
„Diskurskarte“ aus dem MigMap-Projekt

Visuelle Darstellungsformen wie Karten werden im Zusammenhang mit Migration oft als Nebenprodukte oder Illustrationen behandelt. Dabei prägen auch sie den Diskurs über Migration und werden von verschiedenen Akteuren instrumentalisiert. Auf der einen Seite versuchen Akteure des Migrationsmanagements politische Maßnahmen zur Migrationssteuerung und -kontrolle mit Karten zu legitimieren, während auf der anderen Seite neue Akteure auftreten, die Grenzschützern unterlassene Hilfeleistung bei Schiffen in Seenot vorwerfen und ihre eigenen visuellen Darstellungen von Migration erzeugen.

Kartografie des Migrationsmanagements: Politische Akteure des Migrationsmanagements wie die Europäische Grenzschutzagentur Frontex oder die Wissensfabrik „Intergovernmental Centre for Migration Policy Development“ (ICMPD) nutzen Karten, um geografische Räume zu beobachten und zu vermessen und um Bewegungen zu kontrollieren – etwa in informellen internationalen Foren wie dem MTM Dialog (Dialogue on Mediterranean Transit Migration), der innerhalb des ICMPD zum Informationsaustausch und zur Kooperation initiiert wurde. Hier versammeln sich Vertreter von Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie aus sogenannten Partnerstaaten wie der Türkei, Marokko oder Mali, die als Herkunfts- und Transitländer deklariert werden. Mit dem Beitritt der zwei sicherheitspolitischen Agenturen Frontex und Europol 2006 lancierte das Forum auch die erste MTM Map on African and Mediterranean Irregular Migration Routes“ zur Darstellung von sogenannten Migrationsströmen und -trends zwischen Afrika und Europa. Seitdem erscheint diese Karte alle zwei Jahre, wobei sie sich seit ihrem ersten Erscheinen deutlich verändert hat. War die erste Karte noch von einer klaren farblichen Differenzierung zwischen arabischen und europäischen Partnerstaaten sowie den Hauptherkunfts- und -transitländern gekennzeichnet, wurde jene Unterteilung in den folgenden Updates zugunsten von topografischen Karten beziehungsweise Satellitenbildern aufgegeben. Auch die Bezeichnung der Karte wandelte sich im Laufe der Jahre. So wird im Titel nicht mehr von „Irregular Migration“, sondern von „Mixed Migration Routes“ gesprochen. Begriffe und Darstellungen wurden somit an veränderte Diskurse angepasst, wobei die sicherheitspolitische Perspektive auf Migration bestehen blieb.

Zumindest zwei Merkmale sind jedoch gleich geblieben: Zum einen erwecken die MTM Maps durch geradlinige Pfeile den Anschein, dass Migration lediglich in Richtung Europa verläuft. Auf diesem scheinbar linearen Weg werden Städte und (Flug-)Häfen in der Karte zu Drehkreuzen der Migration (sogenannte hubs) erklärt. Völlig ausgeklammert werden dabei Bewegungen von Menschen in andere Richtungen oder in angrenzende afrikanische Staaten, die nicht Europa zum Ziel haben (vgl. Ausgaben 8/14, 6/14). Innerhalb dieser Logik wird jede Person, die zwischen zwei (angrenzenden) afrikanischen Staaten migriert, potenziell zum Transit-Migranten. Die Pfeile vereinheitlichen die Bewegungen und vermögen nichts über individuelle Biografien in der Migration auszusagen.

Diese kartografische Darstellung der linearen und homogenen Transit-Migration dient politischen Entscheidungsträgern als stichhaltiges Argument zur Implementierung von Steuerungs- und Kontrollmechanismen (vgl. Ausgaben 3/15, 2/15). Im öffentlichen Diskurs transportieren Massenmedien immer wieder das Bild der auf Europa gerichteten, nicht zu bremsenden „Flüchtlingsströme“. Allzu oft wird in der Debatte jedoch vergessen, dass die Kartenerstellung von bestimmten geopolitischen Interessen beeinflusst wird und das Produkt nicht neutral ist.

Karten des Widerstandes: Gegen die Tendenzen in der Europäischen Migrations- und Asylpolitik, Karten wie die MTM Map als objektiv und unpolitisch zu deklarieren, regt sich seit einigen Jahren Widerstand. Politische und wissenschaftliche Akteure entwerfen ihrerseits visuelle Darstellungen, die andere und individuenzentrierte Perspektiven auf Migrationen repräsentieren.

Zu einer ersten Gruppe kritischer Kartografen zählen die Monatszeitung Le Monde Diplomatique und das internationale NGO-Netzwerk Migreurop. Durch die Darstellung von alternativem Wissen über Migration werden beispielsweise migrantische Todesopfer im Mittelmeer oder Abschiebehaftzentren in der EU kartiert (vgl. Ausgaben 3/15, 9/13). Durch Zeichnungen mit Buntstiften möchte Philippe Rekacewicz, langjähriger Kartograf der Le Monde Diplomatique, zudem darauf hinweisen, dass die Karten vielmehr eine individuelle Vorstellung als allgemeingültiges Wissen oder die vermeintliche „einzige Wahrheit“ darstellen. Die Kartografie wird so zu einem Instrument, um Auslassungen offizieller Darstellungen sichtbar zu machen.

Eine weitere Gruppe stellt das aktivistische Netzwerk Hackitectura dar, das mit seinen Karten der Meerenge von Gibraltar Migration kontextualisiert und in einen Zusammenhang mit Überwachung und Kapitalflüssen stellt. Migrationsbewegungen von Marokko nach Spanien werden so als individuelle Pfeile dargestellt (wobei jeder Pfeil für einen Migranten steht), die unterwegs abbrechen, umkehren oder ankommen. Zudem wird mit der Einbettung von Bildern von migrantischen Protesten und Überwachungsbüros sowie Küstenlinien aus verschiedenen Zeitepochen die herkömmliche Darstellungsweise auf Karten in Zweifel gezogen.

Ähnlich verhält es sich bei dem aus Forschenden, Künstlern und Aktivisten bestehenden Projekt MigMap. In vier Karten wird die Funktionsweise der Europäischen Migrationspolitik grafisch offengelegt. So stellt beispielsweise die „Diskurskarte“ Akteure, Kampagnen und Bezeichnungen in Beziehung zu verschiedenen diskursiven Linien wie „illegal migration“, „trafficking“ oder „asylum“. Die assoziative Darstellung bedient sich in kreativer Weise kartografischer Mittel, um diese selbst zu hinterfragen. So werden wie auf einer herkömmlichen Karte grüne und blaue Flächen angedeutet, aber keiner geografischen Lokalität zugeordnet. Die Karte wird vielmehr zum Ausgangspunkt für Diskussionen über den Umgang staatlicher und nicht-staatlicher Organisationen mit sowie die Zugriffsweisen auf Migration, und schafft einen sozialen Raum der gemeinsamen Kritik.

Kampf um Bedeutungshoheiten: In jüngster Zeit haben verschiedene Akteure in Zusammenhang mit Migration auch interaktive und Echtzeitkarten entwickelt und greifen damit direkt in die Auseinandersetzung um Bewegungsregulierung respektive -ermöglichung ein. Unter Verwendung von Satellitenbildern und hochauflösenden Kameras wurde so einerseits Ende 2013 das Europäische Grenzüberwachungssystem (Eurosur) – koordiniert durch die europäische Grenzschutzagentur Frontex – eingeführt. Andererseits versucht die Initiative Watch the Med (WTM) durch die Nutzung der offiziellen Überwachungsdaten von Frontex Beweise für unterlassene Hilfeleistung bei der Rettung von Booten auf hoher See zu produzieren (vgl. Ausgaben 8/14, 10/13). Mittlerweile hat sich aus dem Projekt ein Alarmtelefon entwickelt, das aus einem international verstreuten Netzwerk von Aktivisten besteht, die Hilferufe von Schiffen auf dem Mittelmeer entgegennehmen und versuchen, die zuständige Küstenwache zu informieren. Wissenschaftler sprechen hier mittlerweile von einem „Migrieren der Karten“. Gemeint ist damit die gegenseitige Beeinflussung verschiedener Interessengruppen durch konkurrierende kartografische Darstellungsweisen. In diesem Kampf um Deutungshoheit wird auf beiden Seiten zunehmend auch Kartenlesern eine aktive Rolle angeboten, indem diesen die dezentrale Erweiterung der Karteninhalte – durch eigene Eintragungen in Form von Ereignisberichten – ermöglicht wird. Den Akteuren des Migrationsmanagements haben sich selbst ernannte „Überwacher der Überwacher“ gegenüber gestellt.

Auch wenn analytische Überlegungen bezüglich dieser neuen Konstellation noch ausstehen, ist die politische Auseinandersetzung mit Migration um eine digitale und aus der Ferne betriebene Dimension erweitert worden. Machtvolle Instrumente wie die Karten, die auf beiden Seiten benutzt werden, bedürfen unbedingt größerer Beachtung, tragen sie doch wesentlich zur Meinungsbildung bei.

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