Studie: Unterbindung irregulärer Migration im Mittelmeerraum erfordert verstärkten Blick auf die Herkunftsländer

11. Juni 2015

Migrationsbewegungen werden häufig vor allem aus der Perspektive der Zielländer betrachtet. Damit wird die Komplexität der Faktoren, die die Wanderungsentscheidung beeinflussen, ebenso wenig berücksichtigt wie die Migrationsrouten und die Bandbreite der beteiligten Akteure. Eine aktuelle Studie will diese Lücke schließen.

Der vom Migration Policy Institute Europe im Mai 2015 veröffentlichte Kurzbericht „Before the Boat: Understanding the Migrant Journey“ erscheint zu einer Zeit, in der es den politischen Entscheidungsträgern an wirksamen Konzepten gegen die illegalen Einwanderungsversuche über das Mittelmeer mangelt. Die Autoren Jacob Townsend und Christel Oomen wollen die Wissenslücken politischer Entscheidungsträger bezüglich der Motive von Flucht- und Migrationsprozessen im Mittelmeerraum schließen. Sie kritisieren die einseitige Betrachtung von Migrationsentwicklungen aus der Perspektive der Zielländer, die den Blick auf die komplexen migrationsbedingten Entscheidungsprozesse vor und während der Reise unberücksichtigt lassen (vgl. Ausgabe 2/10).

Situation in den Herkunfts- und Transitstaaten: Der Bericht, der sich auf Interviews mit Funktionären internationaler Organisationen sowie mit Migranten stützt, richtet seinen Fokus besonders auf die Strukturen und Prozesse, die in den Herkunfts- und Transitländern die Migration beeinflussen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den komplexen Entscheidungsprozessen der Migranten. Demzufolge können sich Migrationsmotive über den Reiseverlauf hinweg in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren wie der Reisedauer und der Reiseroute verändern. Zum Beispiel können ursprünglich erzwungene Wanderungen zu freiwilligen Anschlussmigrationen führen, wenn sich die Aufenthaltssituation in den Erstzufluchtsländern als unhaltbar erweist. Dem Bericht zufolge würden Migranten die Risiken der Migration viel nuancierter beurteilen als bisher angenommen. Nicht der Mangel an Informationen über die Gefahren der Mittelmeerüberquerung seien entscheidend bei der Migrationsentscheidung, sondern vielmehr das Abwägen zwischen kurzfristigen und zukünftigen Lebensbedrohungen sowie dem erwarteten langfristigen Erfolg der Reise.

Hinsichtlich der Informationsbeschaffung gewinne der Austausch mit bereits migrierten Menschen über soziale Medien an Bedeutung. Diese Kommunikationskanäle würden auch zunehmend von Schmugglern und Zwischenhändlern genutzt, um ihre Dienste anzubieten (vgl. Ausgabe 3/15). Offizielle Aufklärungskampagnen, unter anderem Online-Plattformen der internationalen Organisationen, seien ebenfalls wichtige Informationsquellen. Die Interviewanalysen zeigten jedoch, dass die Migranten je nach Bildungsstand und Informationszugang die europäischen Einwanderungsregularien unterschiedlich interpretieren. So würden sich Auswanderungswillige häufig unter falschen Annahmen hinsichtlich der Aufnahme im Zielland auf den Weg machen.

Funktionslogik des Schleusertums: Die Studie befasst sich auch mit dem bisher unzureichend erforschten Thema der Schmugglernetzwerke. Dabei stellen die Autoren fest, dass die Schmugglertätigkeiten je nach Herkunftsland der Migranten sowie abhängig von der Reiseroute unterschiedlich sind. Zudem würden die Schmuggler auf Veränderungen in Bezug auf die europäischen Grenzschutzmechanismen reagieren und versuchen, sich durch Anpassungen ihrer eigenen Strategien der Kontrolle beziehungsweise dem Zugriff zu entziehen. Dies führe dazu, dass sich Schmugglerrouten verschieben, was häufig zu längeren und gefährlicheren Migrationsrouten führt (vgl. Ausgaben 4/14, 2/10). Welche weiteren Faktoren für die zunehmende Gefahr der Mittelmeerüberquerung eine Rolle spielen bleibt in der Studie jedoch ebenso unreflektiert wie die Frage, inwieweit die gegenwärtigen EU-Grenzschutzmechanismen überhaupt wirksam sind (vgl. Ausgaben 8/14, 5/14, 3/13).

Die Schmuggler selbst seien als wirtschaftliche Akteure zu betrachten, die nach Gewinnmaximierung streben, wobei sie ihr eigenes Leben möglichst nicht in Gefahr bringen wollen. Den Verlust ihrer „Fracht“ kalkulierten sie hingegen von Anfang an mit ein. Nicht selten seien zulässig etablierte Reise- und Transportunternehmen ein wichtiger Teil von Schmugglernetzwerken. Um die Schmuggler bezahlen zu können, bräuchten die Wanderungswilligen häufig die finanzielle Unterstützung ihrer Familie und Freunde. Dieser Tatsache wird aber in der öffentlichen Diskussion um Schmugglernetzwerke wenig Beachtung geschenkt, stellen die Autoren fest.

Auf der Basis ihrer Beobachtungen entwickeln sie politische Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung der Schmugglernetzwerke. Sie sprechen sich insbesondere für kontinuierliche Untersuchungen und Einschätzungen hinsichtlich der Gesamteinnahmen, Kosten, Rentabilität und Beschäftigungsstrukturen der verschiedenen Schmugglernetzwerke aus. Nur so könnten deren Aufbau sowie die Beziehungen zu Akteuren innerhalb und außerhalb der Netzwerke angemessen verstanden werden, um Schwachstellen aufzudecken und effektiv gegen Schleuser vorzugehen.

Auswertung politischer Maßnahmen: Bei der Analyse der politischen Reaktionen der EU auf die durch illegale Einreiseversuche resultierenden Probleme, kommen die Autoren zu ernüchternden Ergebnissen. So würden zwar seit einigen Jahren Aufklärungskampagnen über die Risiken der Mittelmeerüberquerung durchgeführt sowie Herkunfts- und Transitstaaten in die Bekämpfung der Schmugglernetzwerke und bei der Entwicklung von Migrationsverhinderungsstrategien einbezogen. Das Interesse an der Lösung der Problematik von Seiten dieser Staaten erweist sich bisher allerdings als gering. Die Autoren weisen als Begründung hierfür auf den Mangel an zentralstaatlichen Regulierungs- und Kontrollkapazitäten vor allem in den Grenzregionen der Herkunftsländer hin. Zur Verbesserung der Kooperationsbeziehungen sprechen sich die Autoren für den Ausbau der Daten und Kenntnisse hinsichtlich der Migrationsprozesse und der daran beteiligten Akteure aus. Ferner bedürfe es mehr Informationen über die vorhandenen Handlungskapazitäten der Drittstaaten auf nationaler sowie lokaler Ebene zur Bekämpfung der illegalen Migration.

Die Quintessenz der Studie lautet, dass gezielte und langfristig erfolgreiche Lösungsstrategien, die über Ad-hoc-Ansätze hinaus reichen, nur dann konzipiert werden können, wenn sie auf eine kontinuierliche und systematische Forschungsarbeit aufbauen, um das komplexe Phänomen der irregulären Migration aus Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten über das Mittelmeer auch aus der Herkunftslandperspektive zu verstehen. Abgesehen von diesem Aufruf zu nachhaltiger Forschung bietet der Bericht wenige Antworten auf die präsentierten vielfältigen Problemstellungen der irregulären Migration im Mittelmeerraum. Zwar setzen sich die Autoren dafür ein, die Perspektive der Herkunftsländer bei der Bearbeitung der Probleme stärker in den Fokus zu rücken, bleiben aber letztendlich besonders bei ihrem Blick auf die Schmugglernetzwerke einer einseitig europäischen Betrachtungsweise verhaftet.

Die Autorin Uta Lehmann ist Doktorandin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück.

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