Tipp aus der Redaktion: „Mobile Commons, Migrant Digitalities and the Right to the City“

11. Juni 2015
Szene aus dem Computerspiel Banoptikum des Forschungsprojektes „Mig@Net“, http://banoptikon.mignetproject.eu/

In Zeiten von wirtschaftlichen Krisen, strenger Sparpolitik und ihren weitreichenden sozialen wie räumlichen Folgen wird die Perspektive von Migranten in Politik wie Forschung oft ausgeklammert. Vielmehr werden sie immer wieder in politischen und medialen Arenen zu Feinden stilisiert, die für Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Kriminalität verantwortlich gemacht werden. Dieser anhaltenden Tendenz hegemonialer Diskurse stellt das internationale Forschertrio aus Nicos Trimikliniotis, Dimitris Parsanoglou und Vassilis Tsianos eine Perspektive der subalternen Migranten" im mediterranen Städtedreieck Istanbul-Athen-Nikosia entgegen. Sie verstehen darunter meist in prekären Situationen lebende und als undokumentierte" oder „sans-papiers“ beschriebene Menschen. Ihr voraussetzungsvolles, da sehr fachsprachliches Buch „Mobile Commons, Migrant Digitalities and the Right to the City“, schöpft aus Feldforschungen des von der Europäischen Union geförderten Projektes „Transnational digital networks, migration and gender“, kurz Mig@Net.

Bereits im ersten der sechs Kapitel wehren sich die Autoren gegen weit verbreitete Thesen der Migrationsforschung sowie massenmedialen Darstellungen, in denen Migranten vor allem als Opfer dubioser Schlepperbanden oder als „Sozialschmarotzer“ gebrandmarkt werden (vgl. Ausgaben 3/15, 1/15). Vielmehr seien Migranten als handlungsmächtige Subjekte zu konzipieren und ihre produktiven Praktiken im Widerstand gegen das rigide europäische Grenzregime zu untersuchen. In Zeiten der Verunsicherung spielen Migranten sogar eine Schlüsselrolle, da sie festgefahrene Konzepte wie Staatsbürgerschaft oder Grenzen zu hinterfragen vermögen. So werden im nächsten Kapitel theoretische Ansätze bemüht, um Migration als treibende Kraft zu betrachten, auf die staatliche Maßnahmen zu reagieren versuchen, wenngleich Bewegungen nicht zwangsläufig unabhängig von diesen Maßnahmen erfolgen (vgl. Ausgabe 3/15). So entstehen in der Migration neue und spezifische Codes, Praktiken und Logiken, die von (quasi-)staatlichen Akteuren in Versuchen des Migrationsmanagements gezähmt – und nicht verhindert – werden sollen.

Besonderes Augenmerk legen die Autoren auf das Zusammenspiel zwischen migrantischer Mobilität, den alltäglichen Kämpfen der Migranten im Grenzregime und der Nutzung transnationaler digitaler Netzwerke. Die drei sogenannten „Ankunftsstädte“ Istanbul, Nikosia und Athen stehen dafür beispielhaft als soziale Bühne. Innerhalb dieses anspruchsvollen Vorhabens gelingt eine innovative Verquickung mehrerer Forschungsrichtungen. So werden gängige Konzepte der Migrationsforschung hinterfragt, die die Praxis des Migrierens als Flüchten oder nacktes (Über-)Leben beschreiben. Demgegenüber stehen alternative Lebensweisen subalterner Migranten, die durch Kämpfe um politische Teilnahme sowie den Versuchen entstehen, staatlicher (auch technologischer) Kontrolle zu entgehen. Die Autoren beschreiben, wie Migranten digitale Technologien wie soziale Netzwerke als Mittel der Kommunikation, Organisation und Aktion für räumliche Bewegung nutzen. Damit dient Technologie nicht nur der Überwachung von Migrationsbewegungen und wandernden Individuen, sondern auch als Emanzipationsinstrument.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass subalterne Migranten trotz asymmetrischer Machtverhältnisse nicht mehr nur Opfer oder Zuschauer der Errichtung neuer räumlicher und sozialer Grenzen sind. Vielmehr zeigen sie Präsenz, wohnen und agieren im urbanen Raum in einem offenen Prozess. Die in den Postcolonial Studies weit verbreitete Frage „Can the Subaltern speak?“ wird hier mit „Ja, sie handeln sogar“ beantwortet. Mit ihren Handlungen und geografischen Bewegungen vermögen Migranten herkömmliche geopolitische Weltbilder und politische Repräsentationsformen in Frage zu stellen. Parallel zu globalen Verhältnissen sind auch die Migranten und ihre Bewegungen von Ungewissheit und Unvorhersehbarkeit geprägt. Am Ende des Buches wird damit bewusst auf einfache Antworten auf das komplexe Migrationsgeschehen sowie auf politische Handlungsempfehlungen verzichtet. Jedoch kann dieser offene Ausgang als Aufforderung gelesen werden, gerade in turbulenten Zeiten die eigene Sicht auf Migration sowie staatliche Maßnahmen gegen Migranten immer wieder neu zu hinterfragen.

Nicos Trimikliniotis, Dimitris Parsanoglou, Vassilis Tsianos: Mobile Commons, Migrant Digitalities and the Right to the City. Palgrave Macmillan 2014. 45,00 £. ISBN 9781137412317. www.palgrave.com

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