Tipp aus der Redaktion: Schule in der Migrationsgesellschaft. Ein Handbuch

11. Juni 2015

Das von Rudolf Leiprecht und Anja Steinbach herausgegebene Handbuch „Schule in der Migrationsgesellschaft“ nimmt die Tatsache zum Ausgangspunkt, dass Migration längst zum Normalfall in modernen Gesellschaften geworden ist, und stellt die Frage, was Schulen und Bildungspolitik im Umgang mit migrationsbedingter Heterogenität leisten können und sollen. Auf 928 Seiten in zwei Bänden gibt es einen umfassenden und aktuellen Überblick über den erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisstand zu dieser Thematik.

Die Autoren des Handbuchs haben das Ziel ernst genommen, zugleich theoretisch anspruchsvoll und praxisnah in unterschiedliche Aspekte des Themas einzuführen. Das ist gelungen. Nicht nur Lehramtsstudierende, an die sich das Handbuch in erster Linie richtet, können die durchweg gut geschriebenen Grundlagenartikel als Einstieg in Themen nutzen, sondern alle, die sich für den Stand der Forschung und Debatte zum schulischen Umgang mit migrationsbedingter Vielfalt interessieren. Eine Stärke des Handbuchs besteht darin, dass nicht nur eine, sondern gleich mehrere der in der Pädagogik relevanten Perspektiven vertreten sind (Interkulturelle Bildung, Pädagogik der Vielfalt, Migrationspädagogik, Diversity Education, Deutsch als Zweitsprache, rassismuskritische Bildungsarbeit, Anti-Bias-Ansatz). Gemeinsam ist allen Ansätzen das Bewusstsein, dass Gruppenunterscheidungen in Migrationsgesellschaften nicht naturgegeben sind, sondern machtvolle soziale Konstruktionen darstellen, die alle angehen und die sich im Zeitablauf ändern können.

Im ersten Band liegt der Schwerpunkt auf einem historischen und institutionellen Einstieg, auf der Überlappung von migrationsbedingter Vielfalt mit anderen Diversitätsdimensionen wie Geschlecht, Religion oder Behinderung und der Relevanz von sprachlicher und kultureller Diversität für ausgewählte Fächer (Mathematik, Sport, Musik und politische Bildung). Im zweiten Band geht es um den Umgang von Schulen mit Mehrsprachigkeit, um Rassismus, die Professionalisierung von Lehrkräften und die Kooperation mit außerschulischen Institutionen am Beispiel von Jugendhilfe, Kindertagesstätten und Eltern sowie beim internationalen Schüleraustausch. Das Kapitel zu Rassismus und Schule ist mit sieben Beiträgen besonders umfangreich und trägt damit den teilweise voneinander abweichenden Perspektiven auf dieses komplexe Thema Rechnung.

Ein wesentlich schmalerer Vorgängerband war 2005 noch unter dem Titel „Schule in der Einwanderungsgesellschaft“ veröffentlicht worden. Der Titelwechsel geht auf das zunehmende Bewusstsein zurück, dass Migration keine Einbahnstraße ist, sondern dass Gesellschaften in vielfältiger Weise durch Migration geprägt werden. Ungefähr seit fünf Jahren wird in Bildungszusammenhängen zunehmend der Begriff „Einwanderungsgesellschaft“ durch „Migrationsgesellschaft“ ersetzt. Allerdings führt dies nicht dazu, dass der Band Herausforderungen für Schulen, wie die Aufnahme von Kindern auf befristete Zeit, Mehrfachmigrationen zwischen zwei oder auch mehr Ländern sowie die Unterstützung von Kindern bei einer freiwilligen oder erzwungenen Rückkehr, explizit und ausführlich in den Blick nimmt. An einigen Stellen – vor allem im Beitrag von Sara Fürstenau – werden diese Themen aber immerhin angesprochen. Als Forschungslücke ist dies jedoch weniger dem Handbuch, das den Stand der Forschung herausragend darstellt, als der Disziplin selbst anzurechnen, die sich diesen Themen in Zukunft angesichts europäischer Mobilität, Arbeits- und Flüchtlingszuwanderung stärker widmen muss. 

Rudolf Leiprecht, Anja Steinbach (Hg.): Schule in der Migrationsgesellschaft. Bd. I: Grundlagen – Differenzlinien – Fachdidaktiken, Bd. II: Sprache – Rassismus – Professionalität. Wochenschau-Verlag 2015. 59,00 €. ISBN 978-3-95414-025-1. www.wochenschau-verlag.de

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