Eine aktuelle Studie des International Rescue Committee (IRC) schätzt, dass der Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo allein in den fünf östlichen Provinzen des Landes seit August 1998 rund 1,7 Mio. Todesfälle forderte. Grundlage dieser Schätzung ist eine Haushaltsbefragung in drei Provinzen, die im April und Mai 2000 durchgeführt wurde. Die Hochrechung der Befragungsergebnisse belegt, dass das Ausmaß der humanitären Katastrophe in der DR Kongo im Westen bisher unterschätzt wurde. Jeden Monat sterben allein im Osten des Landes schätzungsweise 75.000 Menschen.
Die IRC-Studie gibt Einblick in die Umstände und Bedingungen, wie sich Bürgerkriege und militärische Auseinandersetzungen demographisch auswirken. Weniger als ein Achtel der berichteten Todesfälle gingen auf direkte Gewaltanwendung zurück. Aber überall dort, wo intensiv gekämpft wurde und viele Menschen gewaltsam ums Leben kamen, stieg auch die Sterblichkeit in Folge von Infektionskrankheiten, Malaria und anderen „normalen" Todesursachen. Viele Familien berichteten, wie Verwandte auf der Flucht vor bewaffneten Kräften an Krankheiten starben, die normalerweise nicht tödlich verlaufen.
Der faktische Zusammenbruch des Gesundheitssystems und der sozialen Unterstützungssysteme ist v.a. für kranke Kinder tödlich. Der Osten der Republik ist offenbar inzwischen zu einer Inkubationszone für Epidemien geworden. Die Studie berichtet von zahlreichen Ausbrüchen von Cholera, Meningitis und Polio. Gewalt gegenüber Zivilisten wird offenbar von fast allen Akteuren des Konfliktes eingesetzt. Fast die Hälfte der Opfer von tödlicher Gewalt waren Frauen und Kinder. Die IRC-Studie hebt hervor, dass nahezu alle Befragten den Konflikt entlang ethnischer Zuordnungen beschrieben hatten.
Die unmittelbaren Wurzeln des aktuellen Konflikts im Kongo gehen bis auf das Jahr 1994 zurück. Rund 1 Mio. Menschen waren aus Ruanda in den Osten des damaligen Zaire (heute DR Kongo) geflohen. Damit wurde der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi, der in Ruanda bis zum Genozid eskaliert war, auch in das Nachbarland getragen. Die Hutu-Milizen und die ehemaligen ruandischen Streitkräfte verfolgten Angehörige der Tutsi in den kongolesischen Kivu-Provinzen und kehrten zu Anschlägen über die Grenze nach Ruanda zurück. In der Folge wurde der zairische Präsident Mobutu Sese-Sekou durch einen Zusammenschluss der zairischen Tutsis mit der von Laurent Kabila geführten Anti-Mobuto-Bewegung gestürzt. Die Rebellen waren durch die Regierungen von Ruanda und Uganda unterstützt worden. Die Beziehungen zwischen dem neuen Präsidenten Laurent Kabila und den Kräften, die ihn mit an die Macht gebracht hatten, verschlechterten sich rasch. Seit August 1998 kämpfen die Rassemblement Congolais pour la Democatie (RCD), unterstützt durch die Regierungen von Uganda und Ruanda, gegen Präsident Kabila.
Inzwischen sind zahlreiche andere afrikanische Staaten (Simbabwe, Angola, Namibia, Tschad) in den Konflikt verwickelt und haben Truppen zur Unterstützung von Präsident Kabila in den Kongo entsandt. Zugleich kämpfen die von Uganda und die von Ruanda unterstützten Rebellen nun gegeneinander.
Die Vereinten Nationen sind mit 500 Beobachtern und 5.000 Personen Unterstützungspersonal vertreten. Weder diese Anstrengungen noch das im Juli 1999 unterzeichnete Friedensabkommen (vgl. MuB 6/99) haben die humanitäre Katastrophe bisher aufhalten können. UNHCR berichtet von mehr als 700.000 Binnenflüchtlingen im Kongo. Zugleich halten sich noch viele Flüchtlinge aus den benachbarten Ländern in der Republik auf. Während einer Afrika-Rundreise 1998 hatte US-Präsident Bill Clinton (Demokraten) die Untätigkeit des Westens und der internationalen Gemeinschaft während des Völkermordes in Ruanda bedauert. Beobachter fürchten, dass sich auch in der DR Kongo eine humanitäre Katastrophe ähnlichen Ausmaßes wiederholen könnte. ru