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Ausgabe 6
Juli 2000
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Deutschland: 9. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung

Mitte Juli 2000 veröffentlichte das Statistische Bundesamt die 9. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung für Deutschland. Die 8. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung war 1993 veröffentlicht worden.

Die aktuellen Vorausschätzungen haben den Projektionshorizont bis zum Jahr 2050 verlängert und eine Reihe von Annahmen verändert. Dies betrifft zum einen die zukünftige Entwicklung der Sterblichkeit. Die vorhergehende Runde von Vorausschätzungen hatte für den Zeitraum ab 2000 keine weiteren Gewinne in der Lebenserwartung mehr angenommen. Diese Annahme konnte mit Blick auf die Entwicklung in anderen westlichen Gesellschaften und aufgrund jüngster Daten nicht mehr aufrechterhalten werden. Die neue Bevölkerungsvorausschätzung geht von einer Verlängerung der Lebenszeit auch in den nächsten Jahrzehnten aus.
Konkret erwarten die Statistiker eine Zunahme der Lebenserwartung bei Geburt um 4 Jahre bis zum Ende des Prognosezeitraumes.

Eine zweite Veränderung der Annahmen betrifft die internationalen Wanderungen. Die Vorbereitung der Vorausschätzung von 1993 stand unter dem Eindruck der hohen Wanderungsgewinne der Jahre 1989 bis 1992. Damals hatte man als wahrscheinlichstes Szenario für die Zukunft einen durchschnittlichen jährlichen Wanderungsgewinn von 200.000 Personen erwartet. In weiteren Szenarien wurden jährliche Wanderungsgewinne von 100.000 oder 300.000 Personen angenommen. Unter dem Eindruck der gegenwärtig geringen Zuwanderungsgewinne geht die aktuelle Vorausschätzung nur noch von zwei Wanderungsszenarien aus: 100.000 und 200.000 Personen jährlich. In der Periode 1960 bis 1998, also vom Beginn der Gastarbeiteranwerbung über den Anwerbestopp, den Zustrom von Asylbewerbern und Bürgerkriegsflüchtlingen Anfang der 90er Jahre bis zur aktuellen Rückkehr der Bosnienflüchtlinge, hatte die Bundesrepublik im Durchschnitt einen positiven jährlichen Wanderungssaldo von 165.000 Ausländern.

Nicht verändert wurden die Annahmen zur Fertilität. Sie soll auf dem niedrigen Stand bleiben, den sie in Westdeutschland seit Anfang der 80er Jahre hat: 1.400 Kinder je 1.000 Frauen. Insgesamt befinden sich die Annahmen dieser jüngsten Bevölkerungsvorausschätzung weitgehend im Konsens mit dem bevölkerungswissenschaftlichen Mainstream.

Die Ergebnisse der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung weichen nicht spektakulär von den Resultaten früherer Projektionen ab, insbesondere wenn man Szenarien mit ähnlichen Wanderungsannahmen vergleicht (siehe Tabelle). Die 8. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung rechnete in dem Szenario mit 100.000 Personen jährlichem Wanderungsgewinn für 2040 eine Bevölkerungsgröse von 67,6 Mio. Personen aus. Die aktuelle Vorausschätzung kommt bei gleichen Wanderungsannahmen, jedoch steigender Lebenserwartung, für den selben Zeitpunkt auf 70,5 Mio. Einwohner. Zum Ende des Projektionshorizontes wird die Bevölkerung in Deutschland dann weiter auf unter 65 Mio. gesunken sein. Eine Differenzierung der in Deutschland lebenden Bevölkerung nach Nationalität oder nach Geburtsort (Deutschland/Ausland) wird von der Vorausschätzung des Statistischen Bundesamtes nicht vorgenommen.

Auch bei der Entwicklung der Altersstruktur sind die Unterschiede eher graduell. Die 1993er Vorausschätzung kam für 2040 auf 71,2 Personen im Alter von 60 und älter je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 60 (Altenquotient). Demgegenüber kommt die aktuelle Vorausschätzung dank steigender Lebenserwartung auf einen höheren Altenquotienten von 76,2 für 2040 und 80,0 für 2050. Diese Entwicklung bedeutet eine gewaltige Herausforderung für die Rentenversicherungen.

Obwohl die Ergebnisse der aktuellen Bevölkerungsvorausschätzung sich nicht grundsätzlich von früheren Revisionen unterscheiden, kann man erwarten, dass sie von Gesellschaft und Politik diesmal anders aufgenommen werden. Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johannes Hahlen, mahnte auf der Pressekonferenz eine politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der demographischen Entwicklung an. Die „Faktenresistenz" der Politiker scheine jetzt offenbar zu Ende zu gehen. Dies bezieht sich zweifellos auch auf die aktuellen Anstrengungen zur Reform der Rentenversicherungen. Zugleich wies Hahlen darauf hin, dass Zuwanderung den Alterungsprozess der nächsten Jahrzehnte nicht stoppen könne. Um diesen Trend zu stoppen, müssten jährlich 3,5 Mio. Menschen nach Deutschland zuwandern.

Das Statistische Bundesamt bietet den Text der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung auf seiner Website kostenlos als PDF-Datei an. Eine CD-ROM mit einer ausführlichen Präsentation und allen Tabellen soll ab August verfügbar sein. Ralf Ulrich, Eridion GmbH

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