Stärker als in bisherigen Wahlkämpfen versuchen die Präsidentschaftskandidaten dieses Jahr in den USA, Wählerstimmen aus dem Lager der ethnischen Minderheiten zu gewinnen. Vor allem die wachsende Gruppe der US-Bürger lateinamerikanischer Abstammung sehen sich in diesem Wahlkampf besonders umworben. Sie stellen bei den Präsidentschaftswahlen im November 2000 zwar nur 8% der Wählerschaft (1996: 5%), leben jedoch hauptsächlich in den strategisch wichtigen Bundesstaaten Kalifornien, Florida, Texas und New York.
Sowohl der Kandidat der Demokraten, US-Vizepräsident Al Gore, als auch der Kandidat der Republikaner und Gouverneur des Bundesstaates Texas, George W. Bush, schalten Wahlkampf-Spots und Anzeigen in spanischsprachigen Medien sowie im Internet. Auf Veranstaltungen in Orten mit einem hohem Bevölkerungsanteil von Hispanic Americans suchen beide Kandidaten öffentlichen Kontakt zu den führenden Latino-Organisationen in den USA und flechten spanische Worte oder Satzbau
steine in ihre Reden ein. So besuchten sowohl Gore als auch Bush die nationalen Kongresse der League of Latin American Citizens (LULAC) Ende Juni und des National Council of La Raza (NCLR) Anfang Juli.
Derzeit genießt der texanische Gouverneur Bush ein für einen republikanischen Kandidaten außergewöhnlich hohes Ansehen unter den Hispanics. 51% der Wähler lateinamerikanischer Herkunft haben ein positives Bild von Bush, v.a. jene mexikanischer Abstammung im Bundesstaat Texas. Während rund 60% der Hispanics generell mit den Demokraten sympathisieren, wollen laut Umfragen nur knapp 50% für Gore stimmen. Umgekehrt identifizieren sich mehr Latinos mit dem Kandidaten Bush als mit der ihn aufstellenden Partei (34% zu 20%). Das negative Erscheinungsbild der Republikanischen Partei liegt v.a. an Gesetzesinitiativen gegen Einwanderung, wie z.B. der „Proposition 187" (vgl. MuB 4/1999, 6/1999). Ferner trugen mehrere von der republikanischen Mehrheit des Kongresses verabschiedete Restriktionen der Einwanderungs- und Wohlfahrtsgesetze Mitte der 90er Jahre zu dem schlechten Image der Republikaner bei den ethnischen Minderheiten bei. Diese gesetzlichen Restriktionen führten ihrerseits zu einem sprunghaften Anstieg der Anträge auf Einbürgerung und damit des Wählerpotenzials dieser Neubürger. Zwischen 1993 und 1999 beantragten 6,4 Mio. legale Einwanderer ihre Einbürgerung, mehr als in den vorangegangenen 37 Jahren insgesamt.
Die weitaus größte Gruppe unter den potenziellen Wählern lateinamerikanischer Abstammung sind Mexican Americans mit rund 58%, gefolgt von Personen, deren Familien aus Zentral- und Südamerika (12%), Puerto Rico (11%), Kuba (7%) und der Dominikanischen Republik (4%) stammen.
Parteipräferenzen variieren entsprechend der Herkunft: Wähler mexikanischer Abstammung stimmten bisher überwiegend für die Demokraten, Amerikaner kubanischer Herkunft hingegen sind traditionell den Republikanern verbunden. Während der Präsidentschaftswahlen 1996 waren nur 36% der Hispanics im wahlberechtigten Alter auch als Wähler registriert (Afro-Amerikaner: 64%; Weiße nicht hispansicher Herkunft: 68%).
Dennoch gewinnen Wähler lateinamerikanischer Abstammung eine immer größere Bedeutung bei den Wahlen. Ihre Stärke liegt zum einen in der geographischen Konzentration. Etwa 90% der Hispano-Amerikaner leben in neun Bundesstaaten: Arizona, Kalifornien, Colorado, Florida, Illinois, New Jersey, New Mexico, New York und Texas. Diese Bundesstaaten stellen 75% der für einen Wahlsieg entscheidenden 270 Wahlmännerstimmen von insgsamt 538 Wahlmännern. Allein in Kalifornien, in dem 1,5 Mio. wahlberechtigte und registrierte Hispanics leben (14% der dort registrierten Wählerschaft), sind 54 Wahlmänner zu bestimmen.
Zum anderen sind die Hispano-Amerikaner die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in den USA. Projektionen zufolge werden die Hispanics zwischen 2000 bis 2020 zu rund 44% zum gesamten Bevölkerungswachstum beitragen, 2020 bis 2050 sogar zu über 60%. Mitte des 21. Jahrhunderts werden die Latinos demnach mit erwarteten 96,5 Mio. Personen rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung der USA ausmachen. In Kalifornien werden Latinos voraussichtlich bereits 2025 die größte Bevölkerungsgruppe sein. Die weiße, nicht hispanische Bevölkerung Kaliforniens stellt seit Anfang Juli 2000 erstmals nicht mehr die absolute Bevölkerungsmehrheit.
Angesichts dieser Entwicklungen ist die Rücksichtnahme auf die Minderheit lateinamerikanischer Herkunft leicht nachvollziehbar. "Es ist ein Kampf mit hohem Einsatz. Die Republikaner haben begriffen, dass sie nicht gewinnen können, wenn sie sich auf eine sinkende Zahl verärgerter weißer Männer verlassen", so Frank Sharry vom National Immigration Forum. sta
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