Die Lebenserwartung für Millionen AIDS-Kranke weltweit könnte sich zukünftig durch den verbesserten Zugang zur virushemmenden AIDS-Therapie erhöhen. Die so genannten anti-retroviralen Kombinationspräparate behindern die Vermehrung der tödlichen Viren und haben bereits Hunderttausenden AIDS-Kranken in westlichen Ländern das Leben verlängert.
über zehn Medikamente dieser Art sind seit einigen Jahren verfügbar. Die Kombinationstherapie erfordert jedoch die tägliche Einnahme von 6 bis 20 Pillen und ist mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Die jährliche Dosis der notwendigen Medikamente kostet in den westlichen Staaten für einen Patienten bis zu 10.000 US-Dollar pro Jahr. Die Gewährleistung einer lückenlosen Kühlung der Medikamente vom Hersteller bis zum Patienten und die medizinische Begleitung der Erkrankten verursachen zusätzliche Kosten. Originalpräparate wie Combivir, 3TC oder Crixivan waren in Entwicklungsländern bisher nur für eine sehr kleine Zahl von AIDS-Kranken verfügbar.
Der indische Hersteller Cipla und andere haben inzwischen vergleichbare Nachahmerprodukte (Generika) auf den Markt gebracht, die pro Jahr und Patient nur ca. 600 US-Dollar kosten. Diese Hersteller in Entwicklungsländern haben sich damit über international geltendes Patentschutzrecht hinweggesetzt. 39 Pharma-Konzerne hatten exemplarisch vor dem Landgericht von Pretoria gegen ein 1997 in Südafrika verabschiedetes Gesetz geklagt. Es sollte den Import von Generika legalisieren, ohne dabei die im Patentschutzabkommen TRIPS (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights) der Welthandelsorganisation (WTO) vorgesehene Prozedur einzuhalten. Im Rahmen von TRIPS hätte die südafrikanische Regierung einen nationalen Gesundheitsnotstand erklären müssen, um die Voraussetzungen für den legalen Import von Generika zu schaffen.
Angesichts weltweiter Proteste zogen die Pharma-Konzerne Mitte April 2001 ihre Klage in Südafrika zurück, nachdem sie bereits zuvor drastische Preissenkungen für anti-retrovirale Kombinationspräparate in Entwicklungsländern angekündigt hatten. Auch nach der Preissenkung um bis zu 90% sind die Originalpräparate jedoch für viele Entwicklungsländer unerschwinglich. Das Gesundheitsbudget Südafrikas stellt jährlich nur knapp 400 US-Dollar pro Kopf bereit, in Uganda sind es nur 44 US-Dollar. Nach den Preissenkungen der Originalhersteller und dem Rückzug der Klage in Südafrika haben aber auch die Hersteller von Generika Preissenkungen angekündigt. Damit ist eine neue Situation entstanden, die Millionen AIDS-Kranken Hoffnung gibt.
Um den breiteren Zugang zu den lebensverlängernden Medikamenten zu öffnen, wären weltweit jährlich 10 bis 20 Mrd. US-Dollar aufzubringen. Die massenhafte Anwendung der Medikamente würde einen erheblichen Ausbau der medizinischen Betreuung erfordern, um falschen Gebrauch und die Verbreitung resistenter Virenstämme zu verringern. Die Behandlung von AIDS müsste gemeinsam mit verstärkten Anstrengungen gegen Tuberkulose und Malaria erfolgen (vgl. MuB 9/00). Auf einer Konferenz der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) im April 2001 hatte UNO-Generalsekretär Kofi Annan die Gründung eines globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/AIDS und von Folgekrankheiten wie Tuberkulose angeregt. Rund 50 afrikanische Staatschefs verpflichteten sich, zukünftig mindestens 15% ihrer nationalen Staatshaushalte für das Gesundheitswesen aufzubringen. Die G7-Staaten kündigten auf ihrem Gipfeltreffen Ende April in Washington die Gründung eines globalen Gesundheitsfonds für den Kampf gegen HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose an. Dieser Fonds soll mehrere Milliarden Dollar jährlich einsetzen. Die offizielle Gründung wird für den G7-Gipfel, der im Juli 2001 in Genua stattfindet, erwartet.
Ralf E. Ulrich, Eridion GmbH