In den Vereinigten Staaten lösten die Einwohner hispanischer Herkunft die afro-amerikanische Bevölkerung als größte Minderheit ab. Damit bestätigten sich Prognosen des US-Zensusbüros (vgl. MuB 2/01).
Aktuelle Schätzungen, die auf den Daten der Volkszählung 2000 basieren, zeigen: Im Zeitraum April 2000 bis Juli 2001 stieg die Zahl der Hispanics von schätzungsweise 35,3 Mio. auf 37 Mio. an. Dies bedeutet einen Anstieg um +4,7%. Die Zahl der Afro-Amerikaner stieg dagegen nur um +1,5% an: von 35,7 Mio. auf 36,2 Mio. Die hispanische Bevölkerungsgruppe macht nun 13% der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung aus und löst damit die Afro-Amerikaner (12,7%) als größte Minderheit ab. Die Einwohnergruppe hispanischer Abstammung wächst rund viermal so schnell wie die Gesamtbevölkerung. Zwischen April 2000 und Juli 2001 nahm die Gesamtbevölkerung der USA lediglich um +1,2% zu.
Das Ergebnis löste jedoch wenig Überraschung aus, da es die Prognosen aus dem Jahr 2001 bestätigt. Demographen nennen vor allem zwei Faktoren, die die vergleichsweise hohe Wachstumsrate erklären. Zum einen weisen die Hispanics einen größeren Anteil an Frauen im gebärfähigen Alter (15-44 Jahre) auf, was sich in einer höheren Geburtenrate niederschlägt. Zum anderen ist das Wachstum dieser Gruppe auf starke Zuwanderung zurückzuführen.
Der Vergleich von Hispanics und Afro-Amerikanern ist jedoch problematisch. Statistisch werden Personen in den USA sowohl in der Kategorie race („White", „Black or African American", „American Indian and Alaska Native", „Asian", „Native Hawaiian and Other Pacific Islander", „andere"), als auch in der Kategorie ethnicity (hispanischer oder nicht hispanischer Abstammung) erfasst. Der Begriff „Hispanic or Latino" bezieht sich lediglich auf eine lateinamerikanische oder karibische Abstammung bzw. spanische Muttersprache, unabhängig von der Einordnung in die race-Kategorie. Daher gibt es Überschneidungen. Hispanics können im Prinzip in jeder der oben aufgeführten Untergruppen enthalten sein. Der überwiegende Teil der Hispanics bezeichnet sich als „White", immerhin rund 1,5 Mio. definieren sich jedoch als „African American".
Zusätzlich wird ein Vergleich von Minderheitengruppen insgesamt daurch erschwert, dass Befragte bei der Volkszählung mehr als nur eine race-Kategorie angeben können. In der afro-amerikanischen Bevölkerung beispielsweise geben etwa 1,5 Mio. zusätzlich zu „Black" wenigstens noch eine weitere Abstammung an.
Neben dem hohen Wachstum der hispanischen Bevölkerungsgruppe ist auch eine größere regionale Streuung zu beobachten. Etwa die Hälfte aller Hispanics lebt nach wie vor in den Bundesstaaten Kalifornien, Texas und New York. Roberto Rodriguez vom Census Bureau sowie das Pew Hispanic Center in Washington, D.C. stimmen jedoch darin überein, dass die hispanische Bevölkerung inzwischen auch in vielen weiteren Regionen der USA einen hohen Zuwachs verzeichnet.
Der mit dieser demographischen Verschiebung einhergehende Bedeutungszuwachs der Hispanics für das politische System der USA ist unübersehbar (vgl. MuB 6/00). Zwar sind zurzeit rund 60% aller Hispanics nicht wahlberechtigt, aber die nahe Zukunft wird ein anderes Bild zeigen: Mehr als 12 Mio. US-Staatsbürger hispanischer Herkunft sind zum jetzigen Zeitpunkt noch unter 18 Jahre alt. Etwa 9 Mio. besitzen nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sobald die Zahl von volljährigen oder eingebürgerten Hispanics zunimmt, stellt diese Gruppe eine stark umworbene Wählerschaft dar. La Raza, ein Latino-Interessensverband, kritisierte jedoch, dass es nicht ausreiche, dass Politiker Reden auf Spanisch hielten und in mexikanischen Restaurants speisten. Sie müssten gleichzeitig spezifische Probleme der hispanischen Gemeinschaft thematisieren.
Entsprechend bemühen sich sowohl die Demokraten als auch die Republikaner mit aufwändigen Initiativen, ihre Attraktivität unter den Latinos zu steigern. So sprach Andres Gonzales, Leiter des Hispanic Outreach Programms der Demokratischen Partei, von einer langjährig angelegten, mehrere Millionen US-Dollar teueren Initiative seiner Partei. Geplant sind gezielte Umfragen, die ermitteln sollen, wie Themenschwerpunkte der Demokraten vom hispanischen Bevölkerungsteil aufgenommen werden. Annie Mayol, die Verantwortliche der Republikaner, erklärte, ihre Partei habe das Hispanic Team Leader Project ins Leben gerufen. In dessen Rahmen reisen Vertreter der Bush-Administration durch die Vereinigten Staaten, um gezielt Gesetzesentwürfe vorzustellen, welche den hispanischen Gemeinschaften zugute kommen sollen.
Doch werden Hispanics in Zukunft nicht nur als Wähler eine
wichtige Rolle spielen. Immer mehr Amerikaner hispanischer Abstammung bekleiden
selbst öffentliche Ämter.
Richard Traunmüller, Humboldt-Universität zu Berlin
Weitere Informationen:
http://eire.census.gov/popest/data/national/asro.php
http://usinfo.state.gov/usa/race/diversity/a012303.htm