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Ausgabe 4
Mai 2003
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Frankreich: Erster nationaler Islamrat gewählt

Mitte April fand in Frankreich die Wahl zum ersten nationalen Islamrat statt. Dieser soll künftig alle Muslime in Frankreich gegenüber der französischen Regierung repräsentieren.

Erstmals in der Geschichte Frankreichs bekommt die mit ca. 5 Mio. Gläubigen größte muslimische Gemeinde innerhalb der Europäischen Union eine einheitliche und institutionalisierte Vertretung. Der Französische Muslimische Rat (Conseil français du culte musulman, CFCM) soll alle muslimischen Strömungen Frankreichs repräsentieren und vergleichbar mit dem Repräsentativrat der französischen Juden und den christlichen Kirchen Dialogpartner für die Regierung sein. Parallel zur nationalen Wahl wurden regionale Räte gewählt.

Frühere Bemühungen seitens der Regierung, einen einheitlichen muslimischen Dachverband zu schaffen, waren am Vorherrschaftsanspruch verschiedener muslimischer Organisationen gescheitert. Ende Dezember 2002 hatte Innenminister Nicolas Sarkozy (RPR) durchgesetzt, dass ein Drittel der insgesamt 58 Mandate, darunter die leitenden Instanzen, durch die französischen Behörden bestimmt werden. Unabhängig vom Wahlausgang wurde der Präsident Jacques Chirac (RPR) nahestehende Dalil Boubaker, Rektor der als gemäßigt geltenden Großen Pariser Moschee, zum Präsidenten des Rates ernannt. Die unter marokkanischem Einfluss stehende Nationale Föderation der Muslime Frankreichs (FNMF) und die wegen ihrer Kontakte zu den Muslimbrüdern als islamistisch geltende Union der islamischen Organisationen Frankreichs (UIOF) werden je einen Vizepräsidenten stellen. Erst ab der zweiten Wahl 2005 sollen alle Sitze über Wahlen vergeben werden.

Abstimmungsberechtigt waren 4.032 Delegierte von 992 Moscheen und Gebetsstätten (von insgesamt 1.500).
Die Zahl der Wahlmänner jeder Moschee richtete sich dabei nach der Grundfläche der Moschee bzw. des Gebetsraumes und nicht nach der tatsächlichen Zahl der regelmäßigen Besucher. Einige Muslime, darunter viele junge Leute aus den Vorstädten, kritisierten die vorherige Festlegung der führenden Gremien und den Wahlmodus, der mehrere Hundert kleinere Moscheen ausschloss. Zwei der insgesamt 13 zur Wahl stehenden Organisationen riefen deswegen zum Boykott der Wahl auf. Die Wahlbeteiligung lag dennoch bei 88%.

Aus der Abstimmung, die am 6. und 13. April stattfand, ging die FNMF mit 16 der insgesamt 41 zu vergebenen Sitze als Sieger hervor. Die extremistische UIOF schnitt überraschend stark ab und erhielt 13 Sitze. Die Liste der Moschee von Paris erreichte nur 6 Sitze. Die übrigen Sitze teilen sich kleinere unabhängige Listen sowie Vertreter des Übersee-Departements Réunion. Die konstituierende Sitzung ist für Mai angesetzt.

Die französische Regierung erhofft sich von der Schaffung des Rates eine stärkere Identifikation der französischen Muslime mit der Republik und eine bessere Integration in die französische Gesellschaft. „Wenn Fundamentalismus und Extremismus sich so weit ausgebreitet haben in Frankreich, dann weil wir nur einen Islam der Keller und Garagen zugelassen haben", so Innenminister Sarkozy.

Einige Beobachter interpretieren die Gründung des Rates auch als Versuch, mehr Kontrolle über die muslimische Gemeinschaft zu erlangen oder sogar als Antiterrormaßnahme. Den muslimischen Führern wurde ein Mitspracherecht in der französischen Politik in Aussicht gestellt.

Eine der ersten Aufgaben des Französischen Rates des muslimischen Kultes (CFCM) wird darin bestehen, sich mit der französischen Regierung über die Ausbildung der Imame zu einigen. Die meisten Imame werden im Ausland ausgebildet und sprechen kein Französisch. Nach Aussagen von Sarkozy brauche Frankreich aber Imame, die „Französisch sprechen und die französische Kultur kennen." Weitere Themen sind der Bau von Moscheen, die Berufung islamischer Seelsorger in Krankenhäusern und Gefängnissen, die Einrichtung von Gräbervierteln für Muslime auf Friedhöfen sowie Vorschriften über rituelle Schlachtungen, das so genannte Schächten, und das Tragen von Kopftüchern aus religiösen Gründen.

Nach dem Erfolg der UIFO erklärte Sarkozy gegenüber dem Rundfunk, dass „der französische Islam von ausländischen Einflüssen befreit" werden müsse und drohte Imamen, „die Aussagen gegen die Werte der Republik" machen, die Abschiebung an. me

Weitere Informationen unter:
www.mosquee-de-paris.org/CFCM/DocTrav.html
www.interieur.gouv.fr/rubriques/c/c2_le_ministere /c21_actualite/2002_12_16_musulman

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