Anfang Juni 2003 veröffentlichte das Statistische Bundesamt nach drei Jahren wieder eine neue Bevölke rungsprognose für Deutschland. Die 10. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung unterscheidet sich von den vorangegangenen Projektionen in verschiedener Hinsicht.
Die aktuelle Vorausschätzung wurde auf Basis des Bevölkerungsstandes vom 31.12.2001 gerechnet und unterscheidet sich vor allem in den Sterblichkeitsannahmen von der 9. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung aus dem Jahr 2000. Bereits dort waren die Annahmen zur Lebenserwartung bei Geburt gegenüber der vorhergehenden Prognose erhöht worden und zwar mit einer Zunahme um 4 Lebensjahre. In der aktuellen Projektion wurden die erwarteten Gewinne an weiteren Lebensjahren noch einmal höher gesetzt. Danach würde die Lebenserwartung bei Geburt in den kommenden fünf Jahrzehnten im mittleren, wahrscheinlichsten Szenario um 6 Jahre steigen. Sie würde im Jahr 2050 bei Jungen 81,1 Jahre und bei Mädchen 86,6 Jahre betragen. Die aktuelle Bevölkerungsvorausschätzung trägt aber mit einem weiteren Szenario auch der Möglichkeit einer noch stärkeren Erhöhung der Lebenserwartung um mehr als 7 Jahre Rechnung. Verringerungen der Sterblichkeit werden vor allem im höheren Lebensalter angenommen. Deshalb können im Jahr 2050 60-jährige Männer im mittleren Szenario noch 23,7 weitere Lebensjahre und gleichaltrige Frauen 28,2 weitere Lebensjahre erwarten.
Bei den Annahmen zu den Außenwanderungen verwendet die aktuelle Bevölkerungsvorausschätzung wie die letzten Prognosen zwei moderate Szenarien: eine jährliche Zuwanderung von 100.000 bzw. 200.000 Personen ab 2011. Darüber hinaus wurde aber erneut - wie bereits in der 8. Bevölkerungsvorausschätzung (1994) -auch ein Szenario mit höheren jährlichen Zuwanderungen von 300.000 Personen ab 2011 gerechnet. Nicht verändert wurden die Annahmen zur Fertilität. Es wird angenommen, dass sie auf dem niedrigen Stand bleibt, den sie in Westdeutschland seit Anfang der 80er Jahre hat: 1.400 Kinder je 1.000 Frauen.
Die Ergebnisse der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung weichen in der Grundtendenz kaum von den Ergebnissen früherer Prognosen ab: Deutschlands Bevölkerung wird in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen und demographisch altern. In der Variante 1 (bei niedriger Zuwanderung und geringster Zunahme der Lebenserwartung) würden im Jahr 2050 67 Mio. Menschen in Deutschland leben (heute: 82,5 Mio.). In der mittleren und wahrscheinlichsten Variante hätte die Bevölkerung Deutschlands in fünf Jahrzehnten wieder den Stand von Anfang der 60er Jahre erreicht: 75 Mio. Einwohner. Die Hälfte dieser Einwohner wird dann älter als 48 Jahre sein, ein Drittel 60 und älter. Besonders stark wird die Gruppe der über 80-Jährigen steigen: von heute 3,2 Mio. Menschen auf 9,1 Mio. im Jahre 2050.

Die demographisch bedingten Belastungen für die sozialen Sicherungssysteme werden besonders deutlich im so genannten Altenquotient. Heute liegt er bei 44 Personen im Alter von 60 und darüber zu je 100 Personen im Alter von 20-59. Bis zum Jahr 2050 wird das Verhältnis auf 78 zu 100 steigen. Die Altersgrenze 60 entspricht dabei dem heutigen durchschnittlichen Renteneintrittsalter. Bei einer Kombination höherer Anstiege in der Lebenserwartung und geringerer Wanderungsgewinne wäre 2050 sogar ein Altenquotient von 88 möglich. Es ist offensichtlich, wie stark dies die Relation von Beitragszahlern und Leistungsempfängern in der gesetzlichen Rentenversicherung verändern wird.
Der demographische Wandel in der erwarteten Dimension wird nicht nur umlagefinanzierte Formen der Alterssicherung, sondern auch kapitalstockfinanzierte Formen vor große Herausforderungen stellen. Unterstellt man, dass überwiegend jüngere Menschen als Käufer von Wertpapieren zur Alterssicherung auftreten und ältere Menschen diese zukünftig wieder verkaufen werden, dann wird ein demographischer Wandel dieser Dimension auch Folgen für die quantitative Relation von Käufern und Verkäufern auf dem Kapitalmarkt haben.
Allein die stärkeren Erhöhungen der Lebenserwartung, wie sie in der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung in Betracht gezogen wurden, haben offensichtliche Konsequenzen für die Altersvorsorge. Heute haben 60-jährige Männer eine weitere Lebenserwartung von 19,2 Jahren, Frauen von 23,5 Jahren. In dem Szenario mit der höchsten Senkung der Sterblichkeit wäre die weitere Lebenserwartung mit 60 um knapp 6 Jahre gestiegen, also bei Männern um 30% und bei Frauen um 25%. Wenn die Altersvorsorge hypothetisch in Form einer Leibrente angespart worden wäre, würde dies ein um 30% oder 25% geringeres jährliches Alterseinkommen bedeuten. Ralf Ulrich, Bevölkerungswissenschaft, Humboldt-Universität Berlin
Das Statistische Bundesamt (www.destatis.de) bietet einen Pressetext zur 10. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung auf seiner Website kostenlos als PDF-Datei an. Eine CD-ROM mit einer ausführlichen Präsentation und allen Tabellen soll in Kürze verfügbar sein.