Die jüngsten Bürgerkriegszustände im zentralafrikanischen Staat Demokratische Republik Kongo (ehemals Zaire) führten dort zu Flüchtlingsbewegungen von erheblichem Ausmaß. Bis zu schätzungsweise 1 Mio. Menschen sollen nach Angaben der Vereinten Nationen im Nordosten des Landes seit Beginn der Kämpfe Anfang Mai zeitweise auf der Flucht gewesen sein.
Besonders von den Flüchtlingsbewegungen betroffen war die Stadt Bunia mit rund 350.000 Einwohnern im Zentrum der Region Ituri, von denen die Mehrzahl ins Umland flüchtete. Mindestens 50.000 Personen sollen die Grenze nach Uganda überschritten haben. Ein weiteres Flüchtlingsziel war die Provinz Nordkivu mit ihrer Hauptstadt Beni im Ostkongo, das 40 km nördlich gelegene Erengeti sowie die Stadt Oicha. Zu diesen Orten gelangten die Menschen teilweise durch wochenlange Fußmärsche. Die improvisierten Auffanglager von Erengeti und Oicha sind überfüllt und gravierend unterversorgt. Auf Fluchtbewegungen in dieser Größenordnung ist das Land nicht vorbereitet.
Den Kämpfen liegt ein ethnischer Stammeskonflikt zwischen den Volksgruppen der Hema und Lendu um die Vorherrschaft in dem an Bodenschätzen reichen Gebiet zu Grunde. Der Konflikt schwelt bereits seit dem Einmarsch ugandischer Truppen in den Kongo im Jahre 1998. Diese sind mit den Lendu-Milizen verbündet und übergaben ihnen bei ihrem Abzug am 6. März 2003 die Kontrolle über die Stadt Bunia, die ihnen als Hauptquartier gedient hatte. Es folgten heftige Kämpfe um die Stadt, die dann am 12. Mai von der von den Hema dominierten Gruppe Union Kongolesischer Patrioten (UPC) eingenommen wurde.
Die Hema erhalten militärische und materielle Unterstützung vom Nachbarland Ruanda. Sowohl Ruanda als auch Uganda scheint es nicht nur um ihren Einfluss auf den innerethnischen Konflikt zu gehen, sondern auch um die Kontrolle und Ausbeutung der reichen Ressourcen in diesem Gebiet des Kongo. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um Holz, Gold und Coltan, das bei der Produktion von Mobilfunk-Geräten benötigt wird. Ebenso attraktiv sind die Uferregionen des Albert-Sees, wo beträchtliche Ölvorkommen vermutet werden.
Auch wenn sich die Truppen beider Anrainerstaaten jüngst weitgehend aus dem Kongo zurückzogen, so unterstützen sie die Lendu bzw. die Hema weiterhin vor allem in Form von Waffenlieferungen.
Das Brisante an den kämpferischen Auseinandersetzungen ist, dass auf beiden Seiten in großer Zahl Kindermilizen mit Rekruten ab einem Alter von sechs Jahren zum Einsatz kommen. Organisationen wie Amnesty International (AI) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) sehen darin eine bislang kaum gekannte und besorgniserregende Entwicklung.
Die jüngsten Auseinandersetzungen haben nach Schätzungen von Amnesty International seit Mai bereits 60.000 neue Todesopfer auf beiden Seiten gefordert. Viele Opfer, in der Mehrzahl handelt es sich um Zivilisten, wurden auf der Flucht getötet. Zeugen sagten aus, es ginge bei den Übergriffen oft nicht mehr um die ethnische Zugehörigkeit, sondern um ein wahlloses Drangsalieren von Zivilisten durch Milizen beider Parteien.
In den letzten fünf Jahren sind im Kongo laut der UNO rund 2,5 Mio. Menschen bei kriegerischen Auseinandersetzungen ums Leben gekommen. Die Organisation International Rescue Committee (IRC) spricht sogar von zwischen 3 und 4 Mio. Todesopfern.
Auf Bitte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Kofi Annan wird die 4.000 Mann starke UN-Blauhelmmission im Kongo (Monuc), die seit Anfang Juni unter der Führung Frankreichs steht, nun von einer internationalen Friedenstruppe unter UN-Mandat unterstützt. Insgesamt sollen bis zu 3.000 weitere Soldaten in den Kongo entsandt werden. Neben Frankreich beteiligen sich auf unterschiedliche Weise Großbritannien, Belgien - ehemals Kolonialmacht im Kongo -, Schweden, Deutschland, Brasilien und Südafrika an der Mission mit Namen „Artemis“.
Die ersten Flüchtlinge sind im Zuge dieser Entwicklung Ende Juni wieder nach Bunia zurückgekehrt, mittlerweile sind es rund 1.000 täglich, doch gilt die Lage noch immer als instabil. Die vorgesehene Entwaffnung der Rebellengruppen blieb bislang erfolglos. „Es wird noch mehrere Wochen dauern, ehe die Stadt unter Kontrolle ist“, sagte Xavier Pons, Sprecher des französischen Kontingents der Friedenstruppe. Auch deshalb ziehen es viele Heimkehrer vor, in Flüchtlingslagern der Stadt zu bleiben.
Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnt davor, dass die Flüchtlinge schon jetzt nicht mehr angemessen versorgt werden könnten. Es fehle besonders an Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, Unterkünften und sanitären Einrichtungen. Auch die medizinische Versorgung werde innerhalb kürzester Zeit überlastet sein. Mittlerweile ist Bunia auch zum Ziel von Flüchtlingen der Umlandgebiete geworden, da sich die Übergriffe der Milizen nun auf Dörfer in der weniger geschützten Umgebung der Großstadt konzentrieren. Auf diese Weise werde die Stadt „zu einem riesigen Flüchtlingslager, das unter Belagerung steht“, so Nicolas Luis, Projektleiter für Ärzte ohne Grenzen in Bunia. chw
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