Ohne Proteste ist das Kopftuchverbot in Frankreich mit Beginn des neuen Schuljahrs in Kraft getreten. Nur wenige Schülerinnen wollten ihr Kopftuch nicht ablegen. Muslimische Organisationen, die das Verbot zwar ablehnen, verzichteten jedoch aus Solidarität mit zwei Ende August im Irak entführten französischen Journalisten auf Proteste. Islamische Extremisten im Irak versuchen, durch die Geiselnahmen eine Rücknahme des Kopftuchverbots zu erzwingen.
Am 23. August waren im Irak die beiden französischen Journalisten Christian Chesnot (Radio France International, RFI) und Georges Malbrunot (Figaro) sowie ihr syrischer Fahrer von einer islamistischen Gruppierung entführt worden. Die Entführer fordern die Rücknahme des Anfang September in Kraft getretenen Kopftuchverbots an französischen Schulen. Sie drohen mit der Ermordung der Entführten.
Nachdem die Forderung der Geiselnehmer in Frankreich bekannt wurde, solidarisierten sich eine Reihe muslimischer Organisationen und zahlreiche Muslime mit den Journalisten. In Paris kam es zu Demonstrationen gegen die Entführung. „Ich weigere mich hinzunehmen, dass mein Kopftuch mit Blut befleckt wird", sagte Fatiha Ajbli vom Vorstand der Union der Islamischen Organisationen Frankreichs (UOIF). Mehrere Muslime baten sich im französischen Fernsehen als Austausch für die Geiseln an. Eine Delegation von drei hohen Verantwortlichen der muslimischen Gemeinschaft Frankreichs reiste Anfang September nach Bagdad, um sich für die Freilassung der entführten Journalisten einzusetzen. Die drei Geiseln sind bis heute in der Gewalt ihrer Entführer.
Das Gesetz zum Verbot auffälliger religiöser Zeichen an öffentlichen Schulen trat dennoch mit Beginn des neuen Schuljahres am 2. September in Kraft. Es bezieht sich explizit nicht nur auf Kopftücher, obwohl diese der Ausgangspunkt des Gesetzgebungsverfahrens waren. Auch das Tragen von jüdischen Kippas und großen Kreuzen ist an öffentlichen Schulen künftig nicht mehr erlaubt (vgl. MuB 1/04, 5/03).
Die Einführung der neuen Regelung verlief weitgehend konfliktfrei. Nach Angaben des französischen Bildungsministers François Fillon (UMP, konservativ) erschienen am ersten Schultag nur etwa 240 Schülerinnen mit einem Kopftuch in ihrer Schule. 170 von ihnen legten ihr Kopftuch nach einem Gespräch am Schuleingang ab. Mit den übrigen Mädchen wurden, gemeinsam mit ihren Eltern, weitere Gespräche geführt.
Dass die Einführung des Gesetzes relativ reibungslos ablief, hängt auch damit zusammen, dass muslimische Organisationen, die gegen das Kopftuchverbot sind, wegen der Entführung der Journalisten auf Proteste verzichteten. Die Imame aller führenden Moscheen riefen die Mädchen auf, die Kopftücher vor dem Betreten der Schulen abzunehmen. In Straßburg setzen Pro-Kopftuch-Aktivisten ihre Telefonhotline aus, bei der sich Schülerinnen Tipps zur Umgehung des Gesetzes holen können.
Zudem war die Einführung des Kopftuchverbots an vielen Schulen langfristig vorbereitet worden. Seit der Verabschiedung des Gesetzes am 15. März 2004 wurden Informationsveranstaltungen und Gespräche mit Eltern und Schülern organisiert.
In Paris wurde am ersten Schultag auch drei Turban tragenden Sikhs der Zugang zum Unterricht verwehrt. Die Sikh-Gemeinde will dagegen Protest einlegen, da sie ihrer Ansicht nach nicht von dem neuen Gesetz betroffen ist. In einer Stellungnahme aus dem Bildungsministerium heißt es dazu: „Das Gesetz bezieht sich auf alle, ohne Unterschied". Wie solle man den Muslimen erklären, warum der Turban, nicht aber das Kopftuch erlaubt seien. me
Weitere Informationen:
www.premier-ministre.gouv.fr/fr/p.cfm?ref=41691
(Informationen zum Gesetz, frz.)
www.diplomatie.gouv.fr/actu/article.asp?ART=44107
(Informationen zu den entführten Journalisten, frz.)
http://oumma.com/rubrique.php3
?id_rubrique=42 (muslimische Website, frz.)
www.mosquee-de-paris.org/