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Ausgabe 1
Februar 2005
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Arbeitsmigration und Frauenhandel: Die Republik Moldau

Dieser Artikel basiert auf der Studie „EU-Enlargement, Migration and Trafficking in Women: The Case of South Eastern Europe“, die im September 2004 von Mitgliedern der „Migration Research Group“ des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs fertig gestellt wurde (vgl. MuB 7/04). Auftraggeber der Studie war die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die ihr Hilfsangebot für betroffene Frauen erweitern möchte. Die Republik Moldau (ehemals Moldawien), Rumänien und Bulgarien wurden als Fallbeispiele in der Studie näher betrachtet.

Die Republik Moldau ist heute 15 Jahre nach ihrer Unabhängigkeitserklärung das osteuropäische Land mit der größten Abwanderung von Arbeitskräften ins Ausland und zugleich Herkunftsland vieler Opfer von Menschenhandel.

Laut Schätzungen des nationalen Migrationdienstes und der Internationalen Organisation für Arbeit (ILO) leben derzeit etwa 600.000 von 4,3 Mio. Moldauern im Ausland. Dies betrifft in fast jeder dritten Familie mindestens ein Familienmitglied.

Die Ursachen dafür sind hohe Arbeits- und Perspektivlosigkeit, mediale Informationen über das Leben in den westlichen Industriestaaten sowie die hohe Nachfrage nach Arbeit im informellen Sektor der EU-Mitgliedstaaten. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Arbeit (ILO) waren 117.000 von 1.474.000 erwerbsfähigen Personen im April 2004 in Moldau arbeitslos. Die Nationale Agentur für Arbeit und Beschäftigung berichtet jedoch von etwa 29.000 Personen.

Soweit es die Beschäftigungsverhältnisse betrifft, arbeiten schätzungsweise 53% der moldauischen Migranten in illegalen Arbeitsverhältnissen. Etwa 55% der Migranten sind nach Russland emigriert, 18% nach Italien; weitere Zielländer sind Griechenland, Portugal, Israel, die Türkei und die Ukraine. Von rund 10.000 Migranten haben 32% einen Hochschulabschluss und arbeiteten vor ihrer Auswanderung als Lehrer, Ärzte oder Beamte. Im Ausland arbeiten sie jedoch vorwiegend als unqualifizierte Arbeiter (50,7%) in Haushalten, als Pflegepersonal und auf dem Bau (20,1%). Der monatliche Durchschnittslohn der Migranten beträgt ca. US-$ 770. Nur rund 26% der Migranten verfügen über eigene Mittel zur Deckung der Migrationskosten, 26% leihen sich das Geld (Studie „Arbeitsmigration und Rücküberweisungen“ der Moldauischen Allianz für Mikrofinanzierung, Sommer 2004).

Die Migrationslage der Republik Moldau wird oftmals mit der Portugals in den 60er und 70er Jahren verglichen. Es wird erwartet, dass sich die wirtschaftliche Lage in Moldau durch die Arbeitsemigranten vergleichbar mit Portugal verbessern wird. Es lässt sich sogar feststellen, dass Moldau nur aufgrund von Rücküberweisungen aus dem Ausland überleben kann. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben die moldauischen Migranten im Jahr 2003 etwa US-$ 320 Mio. ins Land zurück überwiesen, was 17% des BIPs entspricht. IWF Experten schätzen für das Jahr 2004, bei einer durchschnittlichen jährlichen Rücküberweisungssumme von US-$ 1.000 pro Migrant, dass insgesamt Rücküberweisungen von US-$ 600 Mio. oder 31% des BIPs zustande gekommen sind. Der moldauische Wirtschaftsminister geht sogar von rund 1 Mrd. Dollar für das Jahr 2004 aus.

Wirtschaftsanalysen weisen jedoch darauf hin, dass die Geldüberweisungen der Migranten neben positiven Effekten auch viele negative Effekte für die Wirtschaft mit sich bringen. Die Rücküberweisungen werden meistens für Wohnungen, Konsumgüter und Kreditrückzahlungen ausgegeben. Es sind jedoch Investitionen in die Entwicklung des Produktionssektors, die den wichtigsten Beitrag zu einer dauerhaften Lösung der ökonomischen Krise leisten würden.

Ein weiteres Problem stellt die Abwanderung von gut ausgebildeten und zumeist jungen Personen, der so genannte „brain drain“, dar, denn das Durchschnittsalter der moldauischen Migranten beträgt 35 Jahre. Der Anteil der über 65jährigen Personen in der Bevölkerung liegt bei 30%.

Die Studie über „Arbeitsmigration und Rücküberweisungen“ belegt, dass ca. 60% der moldauischen Migranten gern nach Hause zurückkehren würden. Im Vergleich dazu wollen nur 15%, im Ausland bleiben. Solange jedoch die wirtschaftliche Situation und die Lebensbedingungen weiterhin schlecht sind, würde die Rückkehr der Migranten eine zusätzliche Belastung für den Arbeitsmarkt bedeuten.

Illegale Migration: Für viele Moldauer bleibt die Migration die einzige Möglichkeit, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu sichern. Doch eine legale Einreise in die Zielländer ist wegen der restriktiven Einwanderungspolitiken und vieler Hürden kaum möglich. Die Liste der Anforderungen für ein Visum beinhaltet u.a. eine Rückfahrkarte, eine Hotelreservierung, eine Krankenversicherung und ein Nachweis über ein regelmäßiges Einkommen. Die Chancen, ein Visum zu bekommen, sind nicht hoch.

Die Menge an Papieren und die Zeitspanne bis zu einer Antwort wirken eher entmutigend. Allein diese Faktoren unterstützen den Markt für illegale Migration und Menschenhandel, denn oftmals sind es private Agenturen, die Arbeit im Ausland anbieten. Laut ILO ist die Zahl dieser Agenturen in Moldau von 11 im Jahr 2001 auf 48 im Jahr 2003 angestiegen. Die Zahl der registrierten Arbeitsverträge bei diesen Agenturen ist jedoch für den gleichen Zeitraum von 1.173 auf 94 gesunken. Dazu kommen noch etwa 200 Agenturen ohne Lizenz, die einen „sicheren“ Grenzübertritt und Jobs für junge Mädchen und Frauen als Tänzerinnen, Bardamen oder Au-Pairs im Westen anbieten. Die Mehrheit dieser Frauen landet jedoch in albanischen, bosnischen oder türkischen Bordellen, wo sie zur Prostitution gezwungen werden.

Trotz vieler Informationskampagnen über illegale Migration und Menschenhandel sind sich viele Menschen dieser Gefahr nicht ausreichend bewusst. Zwar können Jugendliche aus Moldau mit dem Begriff „Menschenhandel“ etwas anfangen, jedoch scheinen sie sich davon nicht unmittelbar betroffen zu fühlen. Eine Umfrage des Zentrums zur Prävention von Frauenhandel („Center for the Prevention of Trafficking in Women“, CPTW) unter 800 Jugendlichen im Alter von unter 20 Jahren im Norden Moldaus ergab, dass 80% der Befragten im Ausland arbeiten möchten. Auf die Frage, ob sie wüssten, welche Art von Jobs es für Leute ihres Alters im Ausland gäbe, antwortete die Mehrheit: „Egal was, Hauptsache Geld verdienen.“ (Survey „Trafficking in Children for Labour and Sexual Exploitation in Moldova“ of the Institute for Public Policy, Moldova, April 2004)

Frauenhandel: Das Phänomen des Frauenhandels ist für die Republik Moldau nicht neu. Dennoch gibt es neue Entwicklungen, Routen und Zielländer, die in den letzten drei Jahren beobachtet werden konnten. Bis Dezember 2004 hat die Internationale Organisation für Migration (IOM) 1.140 Opfer von Frauenhandel allein aus der Republik Moldau betreut. Rund 200.000 Frauen werden schätzungsweise jedes Jahr aus Südosteuropa in den Westen geschleust. Die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europe“ (OSZE) bestätigt die Tendenz, dass sich der Handel noch weiter ausbreitet.

Ein niedriges Ausbildungsniveau und die Abwesenheit beruflicher Perspektiven sind die wichtigsten Risikofaktoren. Ein weiterer Trend lässt sich zudem feststellen: Die Zahl der Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung steigt (16%) (IOM Bericht, Menschenhandel: Statistiken, Trends, Menschen, 2004).

Was die Anwerbung von Frauen angeht, so ist ein stabiler Trend zu beobachten. Unter den Anwerbern sind immer mehr Frauen. Nach Angaben der IOM macht der Anteil der Anwerberinnen ca. 51% aus. Viele darunter sind ehemalige Opfer, die mit ihren früheren Zuhältern entweder als Partner oder aufgrund von dessen Gewaltandrohung kooperieren. Anwerberinnen sind für das Geschäft von Vorteil, da viele Opfer schneller Vertrauen zu Frauen aufbauen.

Dazu eine 47jährige Anwerberin, 6-fache Mutter: „Mit den Mädchen arbeitete ich eine Zeit individuell, um Probleme mit dem Käufer zu vermeiden. Ich kaufte ihnen Kleider, kümmerte mich um die Papiere, bereitete sie für die Reise vor, und das alles von dem ausgeliehenen Kredit, den sie mir zurückzahlen mussten. Die Reisekosten wurden auch von diesem Geld gedeckt. Deshalb sammelte ich mehrere Mädchen, damit sie weniger bezahlen mussten. Nach der Ankunft in der Türkei, übergab ich die Mädchen dem türkischen Käufer, aber blieb noch ein paar Tage dort, um zu sehen, wie sich die Mädchen einlebten. Für jedes Mädchen bekam ich $1.000-1.500, je nachdem, wie es aussah.“ (http://www.migratie.md/interview/556/) Zeitungsanzeigen haben sich nicht als die effizienteste Methode zum Anwerben von Frauen erwiesen. Die am häufigsten angewandte Methode ist heute der persönliche Kontakt.

Neue Trends wurden beim Alter der Opfer festgestellt. Obwohl junge Frauen und Mädchen die Mehrheit der Opfer ausmachen, locken Menschenhändler auch ältere Frauen. Laut IOM ist der größte Teil der Opfer (58%) zwischen 18 und 24 Jahren alt, rund 21% sind 25-30 Jahre, ca. 8% über 30 Jahre und 11% sind Minderjährige. Viele Opfer in der Türkei sind jedoch bis zu 42 Jahre alt.

Nach Angaben des Innenministeriums werden moldauische Frauen und Mädchen zur sexuellen Ausbeutung in fünf Bestimmungsregionen gebracht:

Kinderhandel: Der Handel mit Kindern nimmt zu. Immer mehr moldauische Kinder werden zum Zweck der sexuellen Ausbeutung oder zur Zwangsarbeit rekrutiert. Hauptzielländer sind Russland und die Ukraine. Nach inoffiziellen Angaben der justiziellen und polizeilichen Behörden werden jährlich etwa 5.000 Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren nach Russland gebracht und dort zu sexuellen Dienste gezwungen. Jungen werden häufiger für Zwangsarbeit rekrutiert, z.B. um gefälschtes Gold in Russland zu verkaufen oder in der ukrainischen Landwirtschaft zu arbeiten. Eine verbreitete Form der Ausbeutung von Kindern ist das Betteln, welches meist von Vertretern der Roma-Gemeinde organisiert und kontrolliert wird. Der Menschenhandel trifft oftmals Kinder von Eltern, die zum Arbeiten ins Ausland emigriert sind. Diese Kinder, die bei Bekannten oder Nachbarn untergebracht wurden, sind besonders anfällig für Angebote von Menschenhändlern.

Der Kinderhandel in Moldau wird in gleicher Weise behandelt wie der Frauenhandel. Es werden die gleichen Mechanismen zur Prävention und Bekämpfung angewandt, d.h. es gibt keine differenzierte Behandlung und somit keine Instrumente, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten sind. Daher gibt es kaum Institutionen oder nationale Aktionsprogramme, die ausschließlich die Betreuung von Kindern und Minderjährigen vorsehen. Es fehlt an geeigneten Maßnahmen zur Bekämpfung der unterschiedlichen Formen von Zwangsarbeit, einschließlich des Betteln (Survey „Trafficking in Children for Labour and Sexual Exploitation“, April 2004).

Maßnahmen und Organisationen zur Bekämpfung des Menschenhandels: In Interviews mit vielen Opfern hat IOM festgestellt, dass jüngere Frauen leichter psychologische Betreuung und medizinische Hilfe nach der Rückkehr in die Heimat annehmen, während die älteren Frauen eher misstrauisch sind. Die Rehabilitation von Opfern kann Monate, manchmal sogar Jahre dauern. Darüber hinaus empfiehlt ILO für schwer traumatisierte Opfer längere Rehabilitierungszeiten, d.h. langfristig angelegte psychologische und psychiatrische Therapien. Reintegrationsprogramme mit dem Ziel, sich weiterzubilden und wieder ins Berufsleben einzusteigen, sind erst nach abgeschlossener Therapie sinnvoll, da viele Frauen zuvor nicht in der Lage wären, sich wieder in der Gesellschaft zurechtzufinden (ILO Report, Managing a National Programme Against Trafficking in Human Beings: Addressing the Labour Market Dimensions, 2004). Die finanziellen und personellen Ressourcen, welche notwenig sind, um den Frauen die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen, sind jedoch in Moldau unzureichend. Die von IOM eingerichteten Reintegrations- und Rehabilitationszentren befinden sich in erster Linie in der Hauptstadt Chisinau. Sie wären jedoch auch für die kleineren Städte und ländlichen Regionen von großer Bedeutung.

Eine der Prioritäten von UNICEF sind Kinder aus Moldau, die Opfer des Menschenhandels geworden sind. UNICEF hat in einem Zentrum für wiederkehrende Frauen in Chisinau eine eigene Abteilung für minderjährige Opfer eingerichtet und hat darüber hinaus Hilfsangebote für Mädchen, die schwanger oder als junge Mütter aus dem Ausland zurückkehren, verbessert. Die jungen Mädchen werden hier in erster Hilfe betreut und erhalten langfristige Unterstützung, um nicht erneut Gefahr zu laufen, Opfer von Menschenhändlern zu werden.

Weitere internationale und nationale Nichtregierungsorganisationen (NROs) sind in Moldau aktiv. Dazu gehören die deutsche katholische Organisation „Renovabis“ gemeinsam mit der italienischen Stiftung „Regina Pacis“. Diese planen, Aufklärungskampagnen im Land durchzuführen. Des Weiteren bieten die internationalen NROs „La Strada“ und „Save the Children“ Rehabilitations- und Reintegrationshilfen an und führen Präventionskampagnen durch. „La Strada“ hat seit 2002 eine Telefon-Hotline für Opfer aus dem In- und Ausland eingerichtet.

Die moldauische Organisation “Center for the Prevention of Trafficking in Women” (CPTW) setzt sich vor allem für den Aufbau geeigneter staatlicher Strukturen zur Prävention und Strafverfolgung im Rahmen des Menschenhandels ein. Anwälte des CPTW beraten Opfer und vertreten ihre Rechte vor Gericht. CPTW führt darüber hinaus Trainings- und Ausbildungsprojekte für die Opfer des Menschenhandels durch.

Zweifelsohne leisten die internationalen Organisationen und NROs einen immensen Beitrag zur Linderung der Not der Opfer, jedoch bedarf es eines weitaus größeren Einsatzes – vor allem auch seitens der nationalen Stellen - an finanziellen und personellen Mitteln, um den Frauenhandel effektiv zu bekämpfen und den Opfern die nötige Hilfe in ausreichendem Maße zukommen zu lassen. Elena Stirbu, Migration Research Group, Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA)

Die Studie „EU-Enlargement, Migration and Trafficking in Women: The Case of South Eastern Europe“ ist erhältlich unter: http://www.migration-research.org oder unter http://www.gtz.de/traffickinginwomen/download/EU-Enlargement_and_Trafficking_Report_2004.pdf

Quellen:
1. Arbeitsmigration und Rücküberweisungen, Moldauische Allianz für Mikrofinanzierung, Sommer, 2004
2. Trafficking in Children for Labour and Sexual Exploitation in Moldova: Results of a Rapid Assesment Survey, Institute for Public Policy, Moldova, April, 2004
3. IOM (2004), Traficul de persoane: Cifre, Tendinte, Oameni (http://www.migratie.md/antitraffic/publications)
4. ILO(2004), Managing a National Programme against Trafficking in Human Beings: Addressing the Labour Market Dimensions
5. http://www.migratie.md/interview/556

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