Der Mord an einer jungen Türkin auf offener Straße in Berlin hat die Debatte um Integration in Deutschland wieder neu entfacht. Insbesondere die muslimische Bevölkerung steht dabei im Mittelpunkt. Themen wie so genannte Ehrenmorde und Zwangsehen wurden bislang in der öffentlichen Diskussion vernachlässigt.
Die kurdisch-türkischstämmige Hatun Sürücü wurde am 7. Februar ermordet. Drei Brüder der Frau werden verdächtigt, sie wegen angeblich verletzter Familienehre erschossen zu haben („Ehrenmord"). Die 23-Jährige hatte sich aus einer arrangierten Zwangsehe gelöst und sich von ihrer Familie losgesagt. Sie lebte mit ihrem Sohn in einem Berliner Mutter-Kind-Heim. Anschließend wurden von Schülern der Thomas-Morus-Hauptschule in Berlin-Neukölln vereinzelt Sympathiebekundungen für die Tat bekannt und lösten eine heftige Debatte aus. Der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats Günter Piening (Bündnis 90/Die Grünen) hält die Äußerungen der Schüler für „Einzelfälle und nicht die Normalität". Der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland Ali Kizilkaya sagte dazu: „Ein Ehrenmord hat mit dem Islam nichts zu tun." Weder der Koran noch die islamische Tradition legitimiere Selbstjustiz.
Im Gedenken an die Frau wurde in Berlin eine Mahnwache abgehalten, an der rund 100 Menschen teilnahmen. Im Vorfeld dazu sagte Integrationsbeauftragter Piening: „Diese Mahnwache ist wichtig, um zu zeigen, wie stark der Mord die Berliner berührt". Er schlug vor, den 7. Februar zum Gedenktag für die Opfer von Gewalt gegen Frauen zu erklären. Auch der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) forderte in diesem Zusammenhang „alle Organisationen türkischstämmiger Berliner/-innen sowie islamische Organisationen auf, öffentlich aktiv gegen Gewalt gegen Frauen und sozialen Druck wegen anderer Wertvorstellungen Stellung zu beziehen".
Die Diskussion um bisher tabuisierte Themen wie Zwangsehen, Ehrenmorde und häusliche Gewalt gegen Frauen wird nun auf breiter Ebene geführt. Der TBB lud inzwischen Experten aus Schule, Politik und Wissenschaft zu einem runden Tisch zum Thema Gewalt gegen Frauen ein. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes fordert von der Bundesregierung die systematische Erfassung von so genannten Ehrenmorden. Die Geschäftsführerin Christa Stolle sagte, unter dem „Deckmantel der Toleranz und der Multikultigesellschaft" sei die Gewalt nicht wahrgenommen worden, dabei hätten sich in Deutschland „extrem patriarchale Parallelgesellschaften" gebildet. as