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Ausgabe 1
Februar 2006
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OECD-Studie zur Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern in Deutschland

Zuwanderer sind in den 1990er Jahren von der schwierigen Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt in besonderem Maße betroffen gewesen. Besonders dramatisch war der Rückgang der Beschäftigung im Zeitraum 2001 bis 2004. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Anfang Dezember 2005 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vorgestellt wurde.

Empfehlungen der OECD (Auswahl):
Erhöhung der Durchlässigkeit zwischen den Schulzweigen, um zu verhindern, dass Zuwandererkinder nur auf Grund von Sprachproblemen in einen der unteren Schulzweige kommen
Spracherwerb von Zuwandererkindern so früh wie möglich fördern
Zugang zur selbständigen Tätigkeit erleichtern
Programme zur Förderung der selbständigen Beschäftigung von Migranten, insbesondere durch Kleinkredite
Bessere Unterstützung von Zuwanderern bei der Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Qualifikationen
Zuwanderer stärker in Zeitarbeitsprogramme einbinden
Mehr Evaluation, Koordination und Langfristigkeit von Projekten und Maßnahmen

Die Studie gibt zunächst einen historischen Abriss der Zuwanderung nach Deutschland unter besonderer Berücksichtung der Arbeitsmarktintegration. Anschließend wird der durch das Zuwanderungsgesetz deutlich veränderte institutionelle Rahmen für die Integration erörtert. Danach werden einige der Hauptprobleme der Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern diskutiert. Abschließend gibt die OECD eine Reihe von Empfehlungen (siehe Box).

Besonderes Augenmerk legt der Bericht auf zwei Migrantengruppen: Aussiedler als größte Zuwanderergruppe und die so genannte „zweite Generation“ (25-34 Jahre) der Zuwanderer aus den ehemaligen Anwerbestaaten. Letztere sind in zunehmender Zahl auf dem Arbeitsmarkt präsent. Bei der Beurteilung der Arbeitsmarktintegration stützt sich die OECD hauptsächlich auf die Unterschiede beim Erwerbsstatus, d. h. ob sich die Betroffenen in einer Beschäftigung befinden oder nicht.

Bis Anfang der 1990er Jahre war die Arbeitsmarktlage männlicher Zuwanderer auch im internationalen Vergleich relativ günstig, so die Studie. Zwischen den Beschäftigungs- und Arbeitslosenquoten männlicher Zuwanderer und in Deutschland geborener Männer gab es kaum Unterschiede. Vom anschließenden Rückgang des Beschäftigungsniveaus während und nach der Rezession Anfang der 1990er Jahre waren Zuwanderer deutlich stärker betroffen als Deutsche. Während die Beschäftigungsquote der Deutschen um 3 Prozentpunkte zurückging, sank diejenige der ausländischen Bevölkerung um 10 Prozentpunkte. Infolge des anschließenden Konjunkturaufschwungs verringerte sich die Differenz zwischen Deutschen und Ausländern leicht. Seit der erneuten Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage ab 2001 sind wieder rückläufige Beschäftigungsquoten der ausländischen Bevölkerung zu verzeichnen.

Auch bei Migrantinnen sei ein Rückgang der Beschäftigungs- und ein Anstieg der Arbeitslosenquote zu beobachten gewesen. Besonders dramatisch sei die Situation türkischer Frauen, deren Beschäftigungsrate mit weit unter 40 % extrem niedrig ist. Der Bericht erklärt dies sowohl mit kulturellen Faktoren als auch mit einer Politik, die zugewanderten ausländischen Ehepartnern bis 2005 den Zugang zum Arbeitsmarkt nicht sofort ermöglichte.

Bei den Aussiedlern fiel der Rückgang der Beschäftigungsquote im Zeitraum 2001-2004 besonders deutlich aus. Die zuletzt eingereisten Spätaussiedler sind noch stärker von der schwachen Konjunktur betroffen als diejenigen, die schon seit längerer Zeit im Land leben. Die OECD erklärt dies mit Veränderungen der Herkunftsregionen und einer schlechteren Beherrschung der deutschen Sprache.

Bei der zweiten Generation, deren Anteil sich innerhalb ihrer Altersgruppe seit 1992 fast verfünffachte, verlief die Entwicklung der Arbeitsmarktindikatoren ähnlich wie bei den Zugewanderten. Besonders besorgniserregend sei die Situation bei den Frauen der zweiten Generation. Im Vergleich zu Frauen derselben Altersgruppe mit in Deutschland geborenen Eltern beträgt deren Beschäftigungsquote derzeit weniger als 80 %.

Die OECD-Studie bietet eine Reihe von Erklärungen für die Verschlechterung der Arbeitsmarktchancen von Zuwanderern. Auf Grund ihres niedrigen Bildungsniveaus sind Zuwanderer in Sektoren überrepräsentiert, in denen die Beschäftigung insgesamt rückläufig ist. Ein weiteres Hindernis bei der Arbeitsmarktintegration sei die hohe Bedeutung formaler Bildungs- und Qualifikationsnachweise am deutschen Arbeitsmarkt. Dadurch würden vor allem Zuwanderer mit einer hohen Qualifikation benachteiligt, wenn diese im Ausland erworben wurde und in Deutschland nicht anerkannt wird. Dies sei bei Aussiedlern häufig der Fall.

Ein weiterer Erklärungsansatz ist die im internationalen Vergleich nach wie vor niedrige Neigung zur wirtschaftlichen Selbständigkeit von Migranten (vgl. MuB 2/05, 5/05). Dies sei zum Teil darauf zurückzuführen, dass etwa ein Drittel der ausländischen Bevölkerung für den Zugang zur selbständigen Beschäftigung eine Sondergenehmigung benötigt, da ihr Aufenthaltsstatus in Deutschland nicht hinreichend gefestigt ist. Ein weiteres Hindernis sei der mangelnde Zugang zu Kleinkrediten, von dem Migranten in besonderer Weise betroffen sind.

Auch Diskriminierung könne eine Ursache für die vergleichsweise schlechteren Arbeitsmarktchancen von Zuwanderern sein. Laut Studie stellt die Diskriminierung nach Auffassung von befragten Migranten jedoch kein Hauptproblem für den Arbeitsmarktzugang dar. Allerdings könne Diskriminierung durch den Verweis auf Qualifikationsdefizite verdeckt werden.

Für die zweite Generation sei der Mangel an Berufsabschlüssen das Haupthindernis für eine Beschäftigung. Der Bericht erklärt dies mit dem relativ niedrigeren Bildungsniveau der Elterngeneration und des nur geringen Ausgleichs im deutschen Bildungssystem. Die Studie verweist auf die PISA-Ergebnisse: Der Einfluss des Bildungsniveaus der Eltern auf die schulischen Leistungen der Kinder ist in Deutschland stärker als in allen anderen OECD-Ländern. Die zweite Generation in Deutschland liegt hinter ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund weiter zurück, als dies in anderen OECD-Ländern der Fall ist. Der strukturelle Mangel an Lehrstellen habe die Konkurrenzsituation generell verschärft. Zudem böten von Ausländern geführte Unternehmen vergleichsweise selten Lehrstellen an.

Bei der Vorstellung der Studie am 2. Dezember 2005 in Berlin betonte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales Gerd Andres (SPD) die zentrale Bedeutung der Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern. Er verwies dabei auf die Auswirkungen misslungener Integration am Beispiel der jüngsten gewalttätigen Auseinandersetzungen in französischen Vororten (vgl. MuB 10/05). Der Staatssekretär begrüßte die Vorschläge der OECD und zeigte sich zuversichtlich, dass „in der öffentlichen Wahrnehmung klar und deutlich wird, dass der Arbeitsmarkt zukünftig ohne Zuwanderer nicht mehr auskommt“.

Die OECD führt zurzeit auf Wunsch mehrerer Mitgliedstaaten eine Reihe von Länderstudien zur Arbeitsmarktintegration von Migranten und deren Kindern durch. Nach einem Bericht im Jahr 2004 über die Situation in Schweden ist Deutschland das zweite untersuchte Land. Weitere Studien über Australien und Frankreich werden derzeit durchgeführt. 2006 und 2007 sind Länderberichte über Dänemark, die Niederlande, Norwegen, das Vereinigte Königreich und eventuell die Schweiz vorgesehen. me

Die Studie mit umfangreichen Grafiken und Datenmaterial ist verfügbar unter:
www.oecd.org/dataoecd/62/12/35796774.pdf
www.bundesregierung.de/bericht-,413.932707/OECD-Studie-ueber-die-Arbeitsm.htm

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