Karikaturen des Propheten Mohammed, die bereits im September 2005 von der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veröffentlicht worden waren, haben in den vergangenen Wochen weltweit gewaltsame Proteste von Muslimen ausgelöst. Bei der Zeitung gingen Bombendrohungen ein, in muslimischen Ländern wurden Botschaften in Brand gesetzt und Flaggen westlicher Länder verbrannt. Eine Reihe islamischer Staaten zogen ihre Botschafter aus Dänemark ab; in vielen dieser Länder werden seither dänische Produkte boykottiert.
Am 30. September 2005 hatte die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten unter der Überschrift „Die Gesichter Mohammeds“ zwölf Karikaturen des islamischen Propheten veröffentlicht. Die bildliche Darstellung Gottes oder des Propheten Mohammed gilt im islamischen Glauben als verboten. 16 muslimische Organisationen Dänemarks protestierten gegen die Veröffentlichung und warfen der Zeitung vor, sie würde bewusst die ethischen und moralischen Werte des Islams herabwürdigen und seine Lehren lächerlich machen.
Knapp drei Wochen nach dem Erscheinen der Karikaturen ersuchten elf Botschafter islamischer Staaten um ein Gespräch mit Premierminister Anders Fogh Rasmussen (Venstre, liberal) über die Karikaturen. Dieser lehnte das Gespräch ab und verwies auf die herrschende Pressefreiheit. Muslimische Organisationen wie die Arabische Liga und die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) kritisierten diese Gesprächsverweigerung scharf. Die OIC, die mehr als 50 Länder repräsentiert, verlangte im Namen von 1,3 Mrd. Muslimen eine Entschuldigung Dänemarks für die „blasphemischen Darstellungen“.
Die erneute Veröffentlichung der Zeichnungen in einer norwegischen Zeitung Mitte Januar heizte die Proteste weiter an. Länder wie Saudi-Arabien, Syrien, Libyen und Kuwait zogen ihre Botschafter aus Dänemark ab. In zahlreichen muslimischen Ländern kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen aufgebrachter Demonstranten, die immer noch andauern. Dabei wurden Botschaftsgebäude demoliert, dänische und andere europäische Fahnen verbrannt sowie Morddrohungen gegen die Karikaturisten ausgesprochen. In Nigeria führte der Karikaturenstreit gar zu Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, die mehrere Todesopfer forderten. Auch vor deutschen Einrichtungen im Ausland kam es zu Protesten.
Boykottaufrufe für dänische Produkte fanden nicht nur in der arabischen Welt Gehör, sondern dehnten sich im Februar auch auf Staaten mit großer muslimischer Bevölkerung in Fernost und Afrika aus. Auch in Zeitungen in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien erschienen Nachdrucke der Karikaturen.
Ende Januar entschuldigte sich die Jyllands-Posten und bedauerte, die religiösen Gefühle vieler Muslime verletzt zu haben. Auch die dänische Regierung, die sich inzwischen mit einer diplomatischen Krise konfrontiert sah, gab eine Erklärung ab, in der sie das Erscheinen der Karikaturen bedauerte, jedoch auf die Wahrung von Presse- und Meinungsfreiheit verwies. In vielen westlichen Ländern gab es friedliche Demonstrationen und Proteste gegen die Karikaturen von Tausenden von Muslimen, beispielsweise in Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
Deutsche Politiker begrüßten alle Schritte zur Deeskalation im Karikaturenstreit und würdigten die mäßigende Rolle der muslimischen Dachverbände in Deutschland. Sie riefen zum interreligiösen Dialog auf und betonten, Religion dürfe nicht verunglimpft und religiöse Gefühle nicht bewusst verletzt werden. Allerdings machten sie auch deutlich, dass die Pressefreiheit ein zentrales Grundrecht sei, das keinesfalls eingeschränkt werden dürfe.
Der Karikaturenstreit macht die Verhärtung auf politischer, diplomatischer und religiöser Ebene zwischen der islamischen und der westlichen Welt erneut deutlich. Allerdings wiesen Kommentatoren darauf hin, dass die Karikaturen von radikalen Kräften in einigen islamischen Staaten genutzt wurden, um bewusst gewalttätige Proteste zu schüren. In Indien und der Türkei sei die Reaktion der Muslime hingegen gemäßigt gewesen.
In den europäischen Ländern werden die verhärteten Positionen in den Debatten um Integration, besonders muslimischer Zuwanderer, den Umgang mit religiösen Besonderheiten (z. B. Kopftuchstreit, Auseinandersetzungen um das Schächten) oder die Diskussionen um die Anti-Terror-Gesetzgebungen (z. B. Ausweisung von Hasspredigern) immer wieder sichtbar. as