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Ausgabe 2
März 2006
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Deutschland: Streit um Migrationsforschung

In den Feuilletons deutscher Zeitungen ist ein Streit um die Integration von Muslimen ausgebrochen. Der Auslöser: In einem Aufruf hatten sich Anfang Februar 60 Wissenschaftler und Publizisten deutlich gegen die Darstellung des Islams in populären Sachbüchern ausgesprochen und verschiedenen Autoren Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Seriosität vorgeworfen.

In der durch die Wochenzeitung „Die Zeit“ unter dem Titel „Gerechtigkeit für die Muslime“ veröffentlichten Petition kritisieren deren Verfasser, die Migrationsforscher Yasemin Karakasoglu und Mark Terkessidis, die Stoßrichtung derzeit populärer Sachbücher über den Islam, darunter die Titel „Die fremde Braut“ von Necla Kelek, „Ich klage an“ von Ayaan Hirsi Ali und „Große Reise ins Feuer“ von Seyran Ates. Hier sei der Islam als „unverbesserlich“ und „rückschrittlich“ dargestellt, was zu Vorurteilen beitrage und in der Politik dazu diene, eigene integrationspolitische Fehler im Umgang mit dem Thema Zuwanderung zu verschleiern. Bei den Publikationen handle es sich um „eine Mischung aus Erlebnisberichten und bitteren Anklagen“ gegen einen durchweg als patriarchalisch und reaktionär dargestellten Islam. Rund 60 Migrationsforscher und Publizisten unterstützten den Aufruf durch ihre Unterschrift.

Insbesondere wenden sie sich gegen das Buch „Die fremde Braut“ der türkischstämmigen Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek. Es erschien 2005 und thematisiert das Schicksal so genannter „Importbräute“ aus der Türkei, die durch arrangierte oder erzwungene Ehen elementarer Grundrechte beraubt würden und in Deutschland ein „modernes Sklavendasein“ in Parallelgesellschaften führten.

Karakasoglu, Terkessidis und die Unterzeichner des Appells werfen Kelek vor, sie trage mit ihren Büchern zu ungenauen und vorurteilsbeladenen Vorstellungen über den Islam und muslimische Migranten bei. Keleks durch persönliche Erfahrungen und zahlreiche Falldarstellungen geprägtes Buch kommt neben der Schilderung von Zwangsehen u. a. zu dem Schluss, dass an der gescheiterten Integration vor allem die türkischen Muslime selbst Schuld trügen. Sie zeigten eine mangelnde Bereitschaft zur Anpassung und unterlägen einer „islamischen Leitkultur“, die mit der westlich-europäischen Lebensweise einer demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar sei. So werde von türkischen Jugendlichen ein Menschen- und Weltbild nicht mehr hinterfragt, das den Einzelnen der Gemeinschaft und dem Willen Gottes unterwirft.

In ihrem Aufruf werfen die Kritiker der Autorin vor, in ihrem Buch unwissenschaftlich und unseriös zu arbeiten bzw. eigene Forschungsergebnisse mutwillig umzuinterpretieren. Kelek käme zu Ergebnissen, die den Aussagen ihrer eigenen Dissertation widersprächen, nach der die Islamvorstellungen der von ihr interviewten jungen Leute eine Modernisierung des Islams und dessen Anpassung an die hiesigen Lebensumstände zeigten.

Bei den Büchern von Kelek, Hirsi Ali und Ates handele es sich um „reißerische Pamphlete“, in denen jeweils subjektive Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgebläht würden, das umso bedrohlicher erscheine, je weniger Daten und Erkenntnisse überhaupt eine Rolle spielten. Politik und Medien konsultierten die Autorinnen jedoch als authentische und wissenschaftlich legitimierte Ansprechpartnerinnen.

Necla Kelek wehrte sich gegen die Kritik der Migrationsforscher. In verschiedenen Interviews und Medienbeiträgen warf sie diesen ihrerseits vor, für das Scheitern der Integrationspolitik verantwortlich zu sein, indem sie wesentliche Probleme der Integration wie Zwangsheirat, arrangierte Ehen, Ehrenmorde, Abschottung und die Rolle des Islams vernachlässigt hätten. Einseitig und unwidersprochen sei in der Forschung ein zu positives Bild vom „unaufhaltsamen Weg der Migranten in die Moderne“ gezeichnet worden. Die Politik habe zu lange auf diese Forscher und ihr „ideologisches Konzept des Multikulturalismus“ gehört, denen es um die Sicherung öffentlicher Forschungsmittel gehe. In den letzten Jahren habe sich der Einfluss des Islams auf jugendliche Migranten rasant verändert; er sei zunehmend patriarchalisch geprägt und werde als Waffe eingesetzt, um verloren geglaubte Söhne und Töchter zu disziplinieren. Diese problematische politische Dimension des Islams werde in den wissenschaftlichen Diskurs nicht einbezogen.

In feuilletonistischen Beiträgen und zahlreichen Leserbriefen wurde die bisweilen sehr polemisch geführte Debatte unter den Wissenschaftlern im Zusammenhang mit aktuellen Fragen der Migrations- und Integrationspolitik, wie einer Deutschpflicht auf Schulhöfen, der Heraufsetzung des Nachzugsalters für ausländische Ehegatten und dem so genannten Gesinnungstest (vgl. MuB 1/06) diskutiert.

Auch Politiker nahmen Stellung zu dem Streit der Forscher. Kristina Köhler, innenpolitische Berichterstatterin der CDU/CSU-Fraktion für Integration, verteidigte die Position Keleks. Es sei nicht ihre Schuld, „dass diese finanziell gut ausgestatteten Migrationsforscher sich jahrelang nicht getraut haben, Fragen zu stellen, die ihre kleine heile multikulturelle Welt hätten ins Wanken bringen können". Die Integrationspolitikerin Lale Akgün (SPD) meinte, es sei nicht verwerflich, negative Erscheinungen kritisch zu diskutieren, wohl aber, sie für bestimmte politische Zwecke zu instrumentalisieren. Ein Ausspielen partikularer, differenzierter Forschungserkenntnisse gegen skandalisierbare, singuläre Phänomene sei sinnlos. „Es gibt zu wenig Migrationsforschung in Deutschland. Wir täten gut daran, mehr in sie zu investieren", so Akgün. Die Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Claudia Roth sprach sich für eine Versachlichung der Integrationsdebatte aus und unterstützte die Kritik des Aufrufs.

Auch Keleks aktuelles Buch problematisiert misslungene Integrationsprozesse. Unter dem Titel „Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" beschreibt sie die Muster türkisch-muslimischer Sozialisation, die verbunden mit mangelndem Willen zur Integration Ungleichheit und Abschottung förderten. Eine Fortsetzung der Debatte ist zu erwarten (siehe auch Kommentar). js (i. A. der bpb)

Weitere Informationen:
www.zeit.de/2006/06/Petition
www.zeit.de/online/2006/06/kelek_replik

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