Corinna Milborn: Gestürmte Festung Europa
„Europa ist dabei, eine Festung gegen Einwanderung zu bauen“, so resümiert Corinna Milborn in ihrem Schwarzbuch „Gestürmte Festung Europa - Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto“ die EU-Einwanderungspolitik. Der erste Teil des Buches befasst sich mit der Situation an Europas Außengrenzen und den Folgen der massenhaften illegalen Einwanderungsversuche. Der zweite Teil widmet sich der unterschiedlich erfolgreichen Integration der Migranten in den einzelnen europäischen Ländern, wobei sie besonders auf Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Österreich und die Niederlande eingeht.
Corinna Milborns Buch bietet keinen systematischen Überblick über die europäische Einwanderungspolitik, sondern greift Bestimmungen und Maßnahmen heraus, die zu besonderen Missständen bei den Migranten führen. Die Zahlen- und Faktenlage, auf die sich Milborn dabei beruft, könnte aktueller kaum sein.
Ihre zahlreichen Interviews und Gespräche mit Betroffenen und Zeugen der alltäglichen Immigration nach Europa machen ihr Schwarzbuch spannend und informationsreich. Da ist der spanische Grenzschützer, der die rigiden Maßnahmen der Grenzschutzpolizei in Ceuta und Melilla mit dem Stress verteidigt, dem diese am „Stöpsel“ der „afrikanischen Elends-Badewanne“ ausgesetzt sei. Oder die illegalen Arbeiter auf den südspanischen Obstplantagen, die von den Behörden und der spanischen Bevölkerung zugunsten der europäischen Billigproduktion ignoriert werden. Landarbeiter wie diese bildeten inzwischen in ganz Europa ein völlig neues schutz- und rechtloses „Sub-Proletariat“, so Milborn. An diesen und anderen Beispielen zeigt die Autorin die Absurditäten auf, die sowohl die EU-Regelungen als auch nationalstaatliche Einzelentscheidungen hervorrufen. Letztlich verhinderten die Verschärfungen der Regelungen auf EU- und nationalstaatlicher Ebene Einwanderung nicht, sondern zwängen die Migranten, andere und gefährlichere Wege zu gehen. Auf diesen müssen sie sich erst der Schleppermafia, dann ihrem Schicksal und später ihrem Arbeitgeber vollkommen ausliefern, so Milborns Resümee.
Im zweiten Teil des Buches beschreibt Milborn die innereuropäischen Folgen der Migration. Sie besuchte dafür Jugendliche in den Vorstädten der französischen und englischen Metropolen und führte Gespräche in den Einwanderervierteln Deutschlands und Österreichs. Besonders die fehlende Integration der dort lebenden Menschen führe zu kollektiver Frustration und Ausgrenzung, so die Autorin. Die verschiedenen nationalstaatlichen Modelle - der niederländische Multikulturalismus, die französische Assimilation oder die deutsche Gastarbeiteranwerbung - sieht die Autorin als gescheitert. Eine Lösung liege einzig in der Betonung der positiven Aspekte von Einwanderung, um einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel zu bewirken.
Die von der Autorin beschriebenen Zustände werden dem Leser durch mehrere Fotografien von National Geographic-Fotograf Reiner Riedler eindrucksvoll vor Augen geführt. Corinna Milborns Buch verschafft vor allem jenen Gehör, die bisher kaum gefragt wurden: Illegalen, Zwangsarbeitern und den Bewohnern der Metropolen-Vorstädte. Wer nicht immer nur Stellungnahmen von Regierungsvertretern lesen, sondern einmal die Betroffenen selbst hören möchte, sollte Milborns Schwarzbuch zur Hand nehmen. th
Weitere Informationen:
www.festungeuropa.net
www.milborn.net
Corinna Milborn: Gestürmte Festung Europa - Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto, Das Schwarzbuch, 2006, Wien, Styria Verlag, 248 Seiten, ISBN: 3222132054; Preis: 19,90 €; Online-Bestellung: www.styriapichler.at