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Dezember 2006
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Deutschland: Neue Studie zum Rechtsextremismus

Rechtsextremismus ist in Deutschland in allen Schichten, Regionen und Altersgruppen verbreitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Anfang November vorgestellte Studie, die die Universität Leipzig im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung angefertigt hat. Rechtsextremistische Ansichten seien keine Randerscheinung, sondern ein Problem in der Mitte der Gesellschaft, so die Studie.

[Grafik] Für die Studie ließen die Psychologen Elmar Brähler und Oliver Decker vom Institut für Medizinische Psychologie und Soziologie der Universität Leipzig im Sommer dieses Jahres 4.872 Personen ab 14 Jahren befragen. Es ist bereits die vierte Studie der beiden Autoren zu dem Thema (vgl. MuB 7/05). Die Wissenschaftler beauftragten das Berliner Meinungsforschungsinstitut USUMA, 3.876 West- und 996 Ostdeutschen 18 Aussagen zu folgenden Themen vorzulegen: Diktatur, nationaler Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Nationalsozialismus (siehe Box). Wer allen Thesen zustimmte, dem schrieben die Forscher ein geschlossenes rechtes Weltbild zu.

Im Vergleich zu früheren Studien stellten die Psychologen fest: Die Ausländerfeindlichkeit bleibt konstant auf hohem Niveau. Ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild stellten sie bei 9,1 % der Westdeutschen und 6,6 % der Ostdeutschen fest (Gesamtdeutschland: 8,6 %). Der Studie zufolge stimmen allgemein 37 % der Deutschen mindestens einer ausländerfeindlichen Aussage zu (Ost: 40,9 %, West: 36 %).

Knapp 60 % der Deutschen mit gefestigtem rechtsextremem Weltbild in Ost und West wählen CDU/CSU, SPD oder Bündnis 90/Die Grünen. „Rechtsextremismus ist eigentlich der falsche Begriff“, so Brähler, „er verschleiert, dass derartige Einstellungen längst in unserer Mitte zu Hause sind.“ Der Begriff „rechtsextrem“ sei aus wissenschaftlicher Sicht zudem irreführend. Denn selbst Menschen, die sich als „links“ bezeichneten, hätten nicht alle rechtsradikalen Aussagen abgelehnt.

Auch Antisemitismus ist weit verbreitet: 17,8 % der Befragten gaben an, dass „der Einfluss der Juden zu groß“ sei (Ost: 9,2 %, West: 20,1 %). 13,8 % meinten, die Juden arbeiteten „mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen“ (Ost: 6 %, West: 15,8 %).

Nach den Ergebnissen der Studie sind Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus in der Altersgruppe der über 60-Jährigen am stärksten verbreitet. „Insbesondere bei älteren Menschen in Westdeutschland findet sich ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild“, sagte Brähler. Die Autoren warnen davor, Rechtsextremismus als Jugendproblem in Ostdeutschland zu behandeln. „Jugendliche stellen nicht die größte Gruppe der Rechtsextremen.“ Vielmehr gehörten Rentner und Vorruheständler genauso zu den Befürwortern wie viele Arbeitslose.

Die Gründe für rechtsextreme Einstellungen hängen laut der Studie nicht primär mit wirtschaftlichen Ängsten zusammen. Wer glaube, politisch nicht mitentscheiden zu können, seine Eltern als streng und lieblos empfunden habe und ein geringes Selbstwertgefühl besitze, sei für rechtes Gedankengut zugänglicher. „Soziale Deprivation“, worunter diese Phänomene zusammengefasst werden, wirkt demnach stärker als wirtschaftlicher Mangel. Die Forscher stellen ferner einen Zusammenhang mit der Persönlichkeitsstruktur her: Misstrauische Menschen denken eher rechts, so ihre Schlussfolgerung.

Schulische Projekttage zu Ausländerfeindlichkeit helfen nach Ansicht der Wissenschaftler kaum, solange Deutschland weder in den Schulbüchern noch in Lehrplänen als Einwanderungsland bezeichnet werde. Um den Kampf gegen den Rechtsextremismus zu gewinnen, so schließen die Forscher in ihrer Studie, sei es notwendig, „den Skandal zu thematisieren, dass es rechtsextreme Einstellungen in diesem Ausmaß in unserer Gesellschaft gibt“.

Auch eine Studie der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) in Wien beklagt die zunehmende Diskriminierung von Roma, Muslimen, Juden und Einwanderern im Allgemeinen. Die Studie erschien Ende November und ist eine auswertende Zusammenführung nationaler Erhebungen zum Thema Rassismus. Sie weist auch klar darauf hin, dass in zahlreichen EU-Ländern keine verlässlichen Daten dazu erhoben werden. Nur in Großbritannien und Finnland ist die Datenerhebung nach Angaben des Zentrums befriedigend. In Griechenland, Spanien, Italien, Zypern und Malta werde das Problem in der Datenerhebung völlig ignoriert. Einen Anstieg beim Rassismus verzeichnen laut der Studie Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Irland, Polen, die Slowakei und Großbritannien. Einen Rückgang protokollierten die Forscher dagegen in Tschechien, Österreich und Schweden. Die Studie weist ebenfalls darauf hin, dass die Arbeitslosenraten unter Einwanderern in Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Litauen und Finnland „signifikant höher“ seien als unter den jeweiligen Staatsbürgern. chw

Weitere Informationen:
www.fes.de/rechtsextremismus/pdf/Vom_Rand_zur_Mitte.pdf
www.uni-leipzig.de/~medpsy
www.usuma.com/forschung.htm
eumc.europa.eu/eumc/index.php

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