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Ausgabe 10
Dezember 2006
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Deutschland: 11. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung

Anfang November hat das Statistische Bundesamt zum 11. Mal eine Bevölkerungsvorausschätzung veröffentlicht. Diese Vorausschätzungen werden normalerweise in einem Turnus von drei Jahren aktualisiert (2003/2000: vgl. MuB 6/03 und MuB 6/00). Die Neuberechnungen berücksichtigen sowohl die aktuelle Datenlage als auch veränderte Bewertungen und Annahmen zu zukünftigen Trends der Bevölkerungsentwicklung. Der Zeithorizont der aktuellen Prognose geht bis 2050.

Die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung, die zwischen den Statistischen Ämtern der Bundesländer und des Bundes koordiniert wurde, geht vom Bevölkerungsstand am 31.12.2005 aus. Sie berücksichtigt daher bereits die Bereinigung des Ausländerzentralregisters 2005, bei der die Größe der ausländischen Bevölkerung um 618.000 Personen nach unten korrigiert wurde (-8,4 %; vgl. MuB 5/05). Die Angaben zur deutschen Bevölkerung beruhen seit der Volkszählung von 1987 auf Fortschreibungen aus Bevölkerungsregistern (vgl. MuB 8/06). Die zu erwartende Abweichung von der Wirklichkeit dürfte aber geringer sein als bei der ausländischen Bevölkerung.

Annahmen: Die Annahmen der aktuellen Bevölkerungsvorausschätzung unterscheiden sich in drei Punkten von der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung. Zum einen wurden alternative Verläufe der zukünftigen Entwicklung der Fertilität berücksichtigt. Zum zweiten wurde die im wahrscheinlichsten Fall angenommene Zuwanderung von Ausländern halbiert. Schließlich wurde für das Basis-Szenario, welches als wahrscheinlichster Fall angesehen wurde, zukünftig ein höherer Anstieg der Lebenserwartung angenommen.

Fertilität: In der Vergangenheit gingen diese Bevölkerungsvorausschätzungen von einer langfristigen Fortsetzung des heute geringen Niveaus der Fertilität von 1,4 Kindern je Frau aus. Auch die aktuelle Prognose nimmt an, dass dies zukünftig der wahrscheinlichste Fall ist. Daneben wurden jedoch noch zwei andere Verläufe berücksichtigt. Einerseits wurde ein leichter Anstieg auf 1,6 Kinder je Frau im Jahr 2025 angenommen. Ein solcher Verlauf wäre vorstellbar, wenn das Elterngeld und die Bündelung und Umstrukturierung familienpolitischer Maßnahmen in den nächsten Jahren eine demographische Wirkung entfalten würden. In einer weiteren Annahme berücksichtigt die aktuelle Bevölkerungsvorausschätzung aber auch die Möglichkeit eines Rückgangs der Fertilität auf 1,2 Kinder je Frau bis zum Jahr 2050.

Zuwanderung: Die zweite wichtige Veränderung der Annahmen betrifft die Zuwanderung. Sie ist für die zukünftige Bevölkerungsentwicklung zwar wichtig, jedoch schwer vorauszuschätzen. Nachdem das Potenzial für den Zuzug von Spätaussiedlern nahezu ausgeschöpft ist, geht es dabei vor allem um die Zuwanderung von Ausländern. In den letzten 20 Jahren lag der jährliche Außenwanderungssaldo bei Ausländern durchschnittlich bei +191.000 Personen. Die 10. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung hatte 200.000 ausländische Zuwanderer jährlich als wahrscheinlichste Annahme zum Wanderungssaldo gesetzt und in einer weiteren Annahme nur 100.000 gerechnet. Die aktuelle Vorausschätzung kehrt dies um: Als wahrscheinlichsten Fall nimmt sie einen jährlichen Wanderungsgewinn von 100.000 Personen an und rechnet die Zuwanderung von 200.000 Personen als eine weitere Annahme. Diese Akzentsetzung dürfte von den relativ geringen Wanderungsgewinnen der letzten Jahre geprägt sein (2005: 95.717, 2004: 55.216, 2003: 102.696).

Mortalität: Die dritte Veränderung in den Annahmen betrifft den zukünftigen Anstieg der Lebenserwartung. In der 9. Bevölkerungsvorausschätzung wurde für Männer im Jahr 2050 eine Lebenserwartung bei Geburt von 78,1 Jahren, für Frauen von 84,5 Jahren angenommen. Bereits die folgende Prognose von 2003 erhöhte die Annahmen zur Lebenserwartung im Basis-Szenario auf 81,1 Jahre bei Männern und 86,6 Jahre bei Frauen. Die Annahme der aktuellen Vorausschätzung für 2050 liegt bei 83,5 Jahren für Männer und 88,0 Jahren für Frauen. In einem anderen Szenario wurde sogar ein Anstieg der Lebenserwartung auf 85,4 Jahre bei Männern und 89,9 Jahre bei Frauen gerechnet. Die erwarteten Gewinne an Lebenszeit sind große Errungenschaften, stellen zugleich aber auch eine gewaltige Herausforderung für die Sozialversicherung und die individuelle Alterssicherung dar. Ergebnisse: Die Ergebnisse spiegeln erwartungsgemäß die Veränderungen in den Annahmen wider. Die Annahmen zur Entwicklung von Fertilität, Außenwanderungen und Mortalität werden in 12 Szenarien kombiniert. Im Basis-Szenario kommt es zu einem schnelleren Bevölkerungsrückgang und zu einer stärkeren demographischen Alterung als bisher angenommen. Danach befindet sich Deutschland heute bereits in der Phase des anhaltenden Bevölkerungsrückgangs. Den höchsten Bevölkerungsstand hätte Deutschland damit bereits 2003 erreicht. Die Bevölkerungsvorausschätzung von 2003 erwartete noch, dass der Bevölkerungsrückgang für Deutschland insgesamt erst um 2013 einsetzen würde.

Für 2050 erwartet die aktuelle Prognose nur noch knapp 69 Mio. Einwohner im Basis-Szenario. Dies reflektiert die Auswirkungen einer geringer angenommenen Zuwanderung von nur 100.000 Ausländern pro Jahr. Bei einer höheren Zuwanderung von 200.000 Personen fiele der Bevölkerungsrückgang geringer aus: Deutschland hätte 74 Mio. Einwohner im Jahr 2050. Das war 2003 noch als wahrscheinlichste Entwicklung angenommen worden.

Der Altenquotient spiegelt das demographische Verhältnis der Generation im Rentenalter zur Generation im Erwerbsalter wider. Er drückt die Relation zwischen der Zahl von Menschen jenseits einer bestimmten Altersgrenze zu je 100 Menschen im Alter von 20 bis zu dieser Altersgrenze aus. Bei einer Altersgrenze von 60 wären dies derzeit 45,2 Menschen im Alter von 60 und darüber zu je 100 Menschen im Alter von 20 bis 59. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter lag in Deutschland 2005 knapp unter 61 Jahren.

Der zunehmende Bevölkerungsanteil älterer Menschen ist neben dem Bevölkerungsrückgang die zweite wichtige Auswirkung des demographischen Wandels. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei der so genannte Altenquotient (siehe Box).

Die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung verwendet in der Präsentation ihrer Ergebnisse eine Altersgrenze von 65 Jahren, gibt jedoch im Tabellenanhang auch die Ergebnisse für die bisher verwendete Altersgrenze von 60 Jahren an (siehe Grafik). Danach würde im Basis-Szenario der Altenquotient sogar auf 90,8 Personen steigen. Die 10. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung kam in ihrem mittleren Szenario für 2050 noch auf einen Altenquotienten von 78.

[Grafik] Die Verschärfung der Alterungsproblematik in den Ergebnissen ist offenbar zum großen Teil der geringer angenommenen Zuwanderung geschuldet. Mit der Altersgrenze von 65 Jahren, die bei der Präsentation der Ergebnisse in den Vordergrund gerückt wurde, fällt die erwartete Verschiebung der Relation zwischen den Generationen deutlich geringer aus. Danach kommen heute nur 31,7 Personen im Alter von 65 und älter auf 100 Personen im Alter von 20 bis 64. Bis 2050 würde diese Relation sich auf nur 64,3 zu 100 verschieben. Die schrittweise Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters auf zunächst 67 Jahre folgt dieser demographischen Logik. Eine wirkliche Entlastung kann jedoch zukünftig nur durch einen Anstieg des tatsächlichen Renteneintrittalters erreicht werden. Sie wird nicht nur von der Bereitschaft der Arbeitnehmer abhängen, länger zu arbeiten, sondern auch von der Arbeitsnachfrage für Arbeitnehmer über 50. Prof. Ralf E. Ulrich, Direktor des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld

Weitere Informationen:
Das Statistische Bundesamt bietet einen Pressetext und umfangreiche Materialien zur 11. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung auf seiner Website kostenlos an: www.destatis.de

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