Im vergangenen Jahr haben knapp 145.000 Bundesbürger ihren Wohnsitz ins Ausland verlegt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind das so viele wie seit 1954 nicht mehr. Die meisten von ihnen zog es in die Schweiz und nach Österreich (16 %). Etwa jeder Zwölfte ging in die Vereinigten Staaten oder nach Kanada. Beliebt waren außerdem Polen und Großbritannien (jeweils 6 %) sowie Frankreich und Spanien (je rund 5 %).
Die zunehmende Auswanderung von Deutschen war Gegenstand einer empirischen Untersuchung an der Universität Göttingen. Im Rahmen einer qualitativen Studie wurden zwölf Interviews mit deutschen Auswanderern in Vancouver (Kanada) durchgeführt. Ziel der Studie war es, die Auswanderungsmotive zu erkunden und zu erfahren, wie die Neuankömmlinge in British Columbia zurecht kommen und was sie heute noch mit Deutschland verbinden.
Berufliche Aufstiegschancen, die Partnerschaft oder Frustrationen über Bürokratie wurden oft als Beweggründe genannt. Sie sind jedoch weniger ausschlaggebend als bisher in den Medien diskutiert wird. Kaum einer der Interviewpartner zog etwa wegen besserer Verdienst- oder Karrieremöglichkeiten nach Vancouver. Im Gegenteil, die befragten Auswanderer nahmen bewusst finanzielle, soziale und persönliche Risiken in Kauf, um ihren Traum von einem Leben in Nordamerika zu verwirklichen. Einige gaben sichere und aussichtsreiche Positionen auf, andere suchten gar nicht erst in Deutschland nach einer Stelle. Es war also weniger die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt, die die Befragten auswandern ließ, als vielmehr die Sehnsucht nach Veränderung, Abenteuer und Selbstverwirklichung. Die Analyse der Auswanderer-Biografien zeigt, dass sich hinter diesen Motiven vielschichtige persönliche Ursachen und Triebfedern verbergen.
Auswanderungsmotive wie „Selbstverwirklichung“ oder „Abenteuerlust“ müssen vor dem Hintergrund der Säkularisierung und Globalisierung gesehen werden: In den Erklärungsversuchen und Lebensläufen der Auswanderer spielt Individualismus eine zentrale Rolle. Er findet Ausdruck im Streben nach Anderssein, Aktivität und Autonomie und bestimmt sowohl vor und während als auch nach der Auswanderung die persönlichen Lebens- und Zukunftspläne.
Mit der bewussten Entscheidung auszuwandern meinten die Befragten eine Chance zu nutzen, die sich einmalig bot: Unter dem Einfluss eines biografischen Gestaltungsdrucks ließen sie sich von Vorstellungen unendlicher Möglichkeiten leiten, etwa nach der Devise „seines Glückes Schmied sein“. Aus dieser zentralen säkularen Idee folgten auch innere Zwänge, nämlich vor sich selbst und vor Anderen zu bestehen bzw. nicht nur von der Idee der Auswanderung mit ihren vielfältigen und umwälzenden Möglichkeiten für die Gestaltung des eigenen Lebenslaufs zu träumen, sondern diese auch in die Tat umzusetzen.
Insbesondere jüngere Auswanderer scheinen mit der Abkehr von ihrer Heimat einer Maxime gefolgt zu sein, die ein 30-jähriger Jungunternehmer unter den Befragten folgendermaßen beschreibt: „Wo du lebst, ist nur ein Mittel, dich auszudrücken. Man lebt da, wo es einem gefällt, wo man sich am besten verwirklichen kann“. Preisgünstige und schnelle Kommunikations- und Reisemöglichkeiten haben für ihn und die anderen Befragten die Ferne näher rücken und sie gelassener betrachten lassen: Auswanderung erscheint als bloßer Umzug, worauf vielleicht noch weitere folgen werden: „Wenn ich in 20 Jahren sage, ich könnte am besten in Australien leben, dann sollte ich nach Australien gehen“. Migration ist immer weniger der singuläre und unidirektionale Vorgang von einst, heute gleicht sie eher einem Transit-Aufenthalt mit meist offenem Ausgang.
Während bei den jüngeren und ungebundenen Auswanderern unter den Befragten der Gedanke überwog, mit dem Gang ins Ausland sich selbst „ausprobieren“ zu wollen, dominierte in der Gruppe der Älteren und Etablierten der Wunsch, sich von Stillstand und Routine in Deutschland abzuwenden. Aus den Worten einer damals 38-jährigen Sachbearbeiterin spricht Enttäuschung: „Ich wollte nicht eines Tages mir selber sagen müssen, dass ich mein Leben verpasst habe“. Von einer Torschlusspanik eingeholt, hofften und erwarteten die Befragten, dass das Leben noch mehr zu bieten habe als das bisher Erlebte und Erreichte. Der Gang nach Nordamerika bedeutet Bewegung und Entwicklung und damit die Überwindung des gefürchteten Stillstands.
In ihren Erklärungsversuchen machten die befragten Auswanderer häufig Deutschland oder die Deutschen verantwortlich, die sie einengten, bevormundeten oder frustrierten, was oft jedoch mit privaten Problemen einherging. Maßgeblichen Einfluss auf eine allmähliche Distanzierung und das Gefühl innerer Leere hatten überdies Verlust-Erfahrungen durch Todesfälle in der Familie, Scheidung oder allgemeine Desillusionierung. Die Auswanderung vermochte in den untersuchten Fällen den Wegfall von sozialen und emotionalen Halte- und Bindekräfte auszugleichen. Den Eindruck, nicht (mehr) in das Leben in Deutschland zu passen, hatten viele auch nach längeren Auslandsaufenthalten oder durch das Gefühl, in ihren Meinungen und Empfindungen nicht verstanden zu werden. Das Verlassen Deutschlands implizierte dann immer auch die Hoffnung, diese Leere mit Engagement, neuen Lebensinhalten und Aufgaben zu überwinden.
Grundsätzlich ist das Abenteuer und gleichzeitige Wagnis Auswanderung also immer auch als Suche zu verstehen – nach mehr Leben, Erweiterung, Bewegung und nach Erfüllung. In den meisten Fällen war sie mit der Ankunft in Vancouver nicht abgeschlossen. Entsprechend ihrem Fortschritts- und Mobilitätsdenken planten viele Auswanderer schon die nächste Wanderung innerhalb der Wanderung. Ulrike Pape, Absolventin an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen
Die Autorin wurde für ihr Forschungsprojekt mit dem Förderpreis der Stiftung für Kanada-Studien und einem Research Scholarship der University of Winnipeg ausgezeichnet.
Ulrike Pape: „In der Ferne zu Hause: Soziobiografische Studien zu Motivation und Lebenssituation deutscher Kanada-Auswanderer von 1983 bis heute“, 2006, Universität Göttingen. Die Arbeit ist auf Anfrage bei der Autorin erhältlich (E-Mail: upape@gmx.de)