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Migration und Entwicklung: Die Bedeutung von Rücküberweisungen

In den letzten Jahren gewinnt das Thema Entwicklung durch Migration sowohl in der Forschung als auch in der Politik verstärkt an Bedeutung. Standen zunächst die negativen Auswirkungen wie z. B. der Braindrain im Mittelpunkt der Debatten, so geht es zunehmend darum, wie ein Gewinn für alle Beteiligten – das Zielland, die Migranten selbst sowie das Herkunftsland – erreicht werden kann. In diesem Zusammenhang stellt sich u. a. die Frage, welche Rolle so genannte Rücküberweisungen, also Gelder, die Migranten ihren Familienmitgliedern im Herkunftsland überweisen oder bei Heimatbesuchen mit sich führen, für die Entwicklung der Herkunftsländer spielen.

Entwicklung der Rücküberweisungen: Monetäre Ströme als Rücküberweisungen sind in den letzten Jahren stark angewachsen und haben sich für viele Entwicklungsländer zu einer unverzichtbaren Einkommensquelle entwickelt. Neben ausländischen Direktinvestitionen stellen sie dort häufig die bedeutendsten Kapitalzuflüsse dar und überschreiten sogar die Höhe der Gelder aus offizieller Entwicklungshilfe. Nach Schätzungen der Weltbank flossen im Jahr 2005 rund 167 Mrd. US-Dollar an Rücküberweisungen in Entwicklungsländer, was einem Anstieg von ca. 73 % im Vergleich zum Jahr 2001 entspricht.

Die Daten zu Rücküberweisungen sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten. Zum einen fließen in offizielle Statistiken nur grenzüberschreitende Geldflüsse ein, die über formelle Wege wie Banken, Krediteinrichtungen und Geldtransfer-Serviceunternehmen getätigt werden. Alle Übertragungen über informelle Kanäle wie die Mitführung von Geld oder Gütern beim Heimaturlaub, Postversand und inoffizielle Finanzdienstleiter werden außer Acht gelassen. Experten schätzen, dass dieser Teil der Rücküberweisungen sich in der Größenordnung von mehr als 50 % der offiziellen Beträge bewegt.

Darüber hinaus konnte man sich noch nicht auf eine weltweit einheitliche Bilanzierung von Rücküberweisungen einigen. So werden die Beträge in den nationalen Zahlungsbilanzen auf unterschiedliche Bilanzposten gebucht oder gar nicht erfasst, was eine Ermittlung der offiziellen Rücküberweisungen besonders schwer macht. Dies führt dazu, dass die in der Literatur veröffentlichten Daten deutlich variieren.

[Grafik] Wichtigste Länder: Nach eigenen Schätzungen wird das Ranking der Länder, aus denen Rücküberweisungen getätigt werden, von den USA angeführt (43,5 Mrd. US-Dollar). Deutschland kommt mit 14,6 Mrd. US-Dollar an zweiter Stelle, gefolgt von Großbritannien (12,3 Mrd. US-Dollar; siehe Tabelle).

Der Trend der Rücküberweisungsflüsse aus Deutschland ins Ausland war bis 2002 steigend. Seit 2002 haben sie sich auf ca. 14 Mio. Euro eingependelt.

Deutschland ist seit den 1960er Jahren ein bedeutendes Zuwanderungsland. Die Anzahl der im Ausland geborenen Einwohner betrug im Jahr 2005 ca. 10,1 Mio. (oder 12,3 % der Gesamtbevölkerung). Die Zahl der ausländischen Bevölkerung (d. h. nicht eingebürgerte Zuwanderer und deren in Deutschland geborene Kinder mit ausländischer Staatsangehörigkeit) betrug im Vergleich dazu 6,7 Mio. Einwohner. Die größte Gruppe waren Ende 2005 1,8 Mio. türkische Staatsangehörige.

In den letzten Jahren haben sich durch die Öffnung der Grenzen nach Osteuropa bzw. die Erweiterung der Europäischen Union die Einwanderungsmuster nach Deutschland erheblich verschoben. So kamen nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Zeitraum zwischen 1999 und 2004 nur noch 6,1 % (229.178) aller zugezogenen Ausländer aus der Türkei, jedoch 12,6 % (483.124 Personen) aus dem Nachbarland Polen. Hinzu kommt ein beträchtlicher Anteil an Saisonarbeitern. Im Jahr 2003 kamen 85 % (318.549 Personen) all derer, die sich temporär als Arbeitskräfte in Deutschland aufhielten, aus Polen.

[Grafik] Zielländer für Rücküberweisungen: Diese Entwicklung schlägt sich ebenfalls in den hohen Rücküberweisungszuflüssen nach Polen nieder (2005: 3,4 Mrd. Euro). Weitere wichtige Rücküberweisungszielländer Deutschlands waren im Jahr 2005 die Türkei mit ca. 2,2 Mrd. Euro und Frankreich mit 1,8 Mrd. Euro (siehe Grafik).

Chancen für Entwicklung: Zentrales Augenmerk der noch jungen wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas „Rücküberweisungen“ sind die Chancen für die Entwicklung in den Empfängerstaaten. Für die Türkei ist dieser Zusammenhang bereits in ersten Studien untersucht worden. Zu Beginn des Jahres 2000 hielten sich ca. 6 % (3,5 Mio.) der türkischen Bevölkerung im Ausland auf, davon ein erheblicher Teil in Deutschland. Charakteristisch für Personen türkischer Herkunft ist die starke Bindung an ihre Familien. Die Änderungen im deutschen Staatsangehörigkeitsrecht, das eine Erleichterung bei der Einbürgerung mit sich brachte, wirkten sich nicht auf das Rücküberweisungsverhalten der türkischen Migranten aus. Jedoch war in den letzten 3 bis 4 Jahren ein rückläufiger Trend bei den Transfers zu verzeichnen. Diese Entwicklung könnte mit der wirtschaftlichen Rezession in Deutschland zusammenhängen. Dementsprechend nahm der Anteil der Rücküberweisungen am türkischen Brutto-Inlands-Produkt (BIP) von knapp 3 % auf 2 % ab. Die gesamtvolkswirtschaftliche Bedeutung ist darüber hinaus wegen steigender Export-Erlöse und Tourismuszahlen und somit eines Wachstums des türkischen BIP gesunken. Im Falle der Türkei kann man von einer rückläufigen Bedeutung für die Entwicklung durch Rücküberweisungen sprechen.

Generell ist die Beurteilung der wirtschaftlichen Auswirkungen in Empfängerländern äußerst schwierig. Es wird grundsätzlich angenommen, dass das Sparen und Investieren der rücküberwiesenen Gelder positivere Auswirkungen hat als der Erwerb von Konsumgütern. Zudem wurde festgestellt, dass sich begünstigte Haushalte wirtschaftlich verbessern konnten. Die Überwindung von Einkommensungleichgewichten oder wirtschaftlicher Aufschwung konnte jedoch nicht angestoßen werden.

Das Hauptproblem bei der Analyse der Wirkungen von Rücküberweisungsflüssen auf die Entwicklung der Empfängerländer liegt in der unzureichenden Datenlage. Sowohl in der Forschung als auch in internationalen Organisationen ist man daher zur Zeit intensiv bemüht, diese zu verbessern, um fundierte Rückschlüsse über die Verwendung von Rücküberweisungen und damit über ihr entwicklungspolitisches Potenzial ziehen zu können. Stefanie Hertlein (Universität Freiburg) und Florin Vadean (Migration Research Group des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universität Hamburg)

Die Langfassung dieses Artikels ist als 9-seitiges Kurzdossier „Rücküberweisungen – Brückenschlag zwischen Migration und Entwicklung?“ (Kurzdossier Nr. 5, September 2006) auf Deutsch und Englisch unter www.focus-migration.de erhältlich.

Weitere Informationen:
The World Bank (2005): Global Economic Prospects 2006: Economic Implications of Remittances and Migration, Washington, D.C.: The World Bank.
Içduygu, Ahmet (2005): International Migrants Remittances in Turkey. Cooperation project on the social integration of immigrants, migration and the movement of persons. Istanbul: CARIM.

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