In den letzten Jahren wurde in der Diskussion um Migration und Integration in Deutschland immer häufiger der Begriff der Bevölkerung mit Migrationshintergrund verwendet. Er zielt darauf ab, die Zielgruppe für Integrationsanstrengungen – unabhängig von der Staatsbürgerschaft – zu identifizieren. Der hohe Anteil von Zuwanderern mit deutscher Staatsangehörigkeit und die Notwendigkeit stärkerer Integrationsanstrengungen für Kinder der Immigranten machen dieses Konzept für Deutschland sinnvoll und notwendig.
Im Mai 2007 veröffentlichte das Statistische Bundesamt erstmals einen ausführlichen Bericht zur Größe und Struktur dieser Bevölkerungsgruppe. Er beruht auf Fragen zur Zuwanderung, Staatsangehörigkeit und Einbürgerung, die im Mikrozensus 2005 zusätzlich aufgenommen wurden (vgl. MuB 5/06). Diese Merkmale wurden nicht nur für die Befragten selbst, sondern auch für ihre Eltern erfragt. Das Statistische Bundesamt definiert die Bevölkerung mit Migrationshintergrund als „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“. Nach dieser Definition geben nur Immigranten der ersten Generation die Zugehörigkeit zu dieser Bevölkerungsgruppe an ihre Kinder weiter.
Das Statistische Bundesamt zählt zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund 7,3 Mio. Ausländer und 8 Mio. Deutsche, also insgesamt 15,3 Mio. Menschen. Dies sind 18,6 % der Bevölkerung. Darin sind 10,4 Mio. Personen enthalten, die seit 1950 zugewandert sind, davon 5,6 Mio. Ausländer und 4,8 Mio. Deutsche. Sie werden auch als Personen mit eigener Migrationserfahrung bezeichnet. In der Bevölkerung mit Migrationshintergrund sind aber auch Personen ohne eigene Migrationserfahrung enthalten: 1,7 Mio. in Deutschland geborene Ausländer und 2,6 Mio. in Deutschland geborene Deutsche.
Mit dem Mikrozensus 2005 konnte das Statistische Bundesamt erstmals auch wichtige Strukturmerkmale der Bevölkerung mit Migrationshintergrund darstellen. Sie ist deutlich jünger als die deutsche Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Jeder zweite Einwohner mit Migrationshintergrund ist jünger als 34,2 Jahre, für die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund liegt dieses Medianalter bei 46,5 Jahren. In der Altersgruppe der unter 5-jährigen Kinder gehört jeder dritte Einwohner zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund. 98 % der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (14,7 Mio.) leben im früheren Bundesgebiet und in Berlin.
In einigen Großstädten ist ihr Bevölkerungsanteil
heute schon beträchtlich (siehe Grafik). In Stuttgart haben 38,9 % der
Einwohner einen Migrationshintergrund, in Frankfurt/Main 37,6 %, in Nürnberg
36,1 %. Bei den unter 5-Jährigen liegt der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund
in sechs Städten über 60 %, so in Nürnberg (67 %), in Frankfurt/Main
(64,6 %), in Düsseldorf (63,9 %) und in Stuttgart (63,6 %). In Nürnberg
und Wuppertal tragen dazu vor allem die Deutschen mit Migrationshintergrund
bei. Eine wichtige Ursache dieser Situation ist die in den letzten Jahrzehnten
anhaltend geringe Kinderzahl der Deutschen ohne Migrationshintergrund. Der hohe
Anteil von Vorschulkindern mit Migrationshintergrund in den genannten Städten
wird in den kommenden Jahren noch stärker die Situation an den Schulen
beeinflussen als bisher. Weiterführende Untersuchungen zu den Deutschkenntnissen
dieser Gruppe wären sinnvoll.
Die Zugehörigkeit zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund selbst sagt wenig über den Grad der Integration in die deutsche Gesellschaft aus. Dies wird deutlich, wenn man die hohe Aufenthaltsdauer der Zugewanderten berücksichtigt, sie lag im Schnitt bei 18,5 Jahren. Einige Merkmale der Bevölkerung mit Migrationshintergrund deuten jedoch auf Probleme der Integration hin. Die Erwerbslosigkeit in dieser Gruppe beträgt 13,3 %, bei Deutschen ohne Migrationshintergrund liegt sie bei 7,5 %. Die Erwerbsbeteiligung im Alter 25 bis 65 ist bei Personen mit Migrationshintergrund mit 61,6 % geringer als beim Rest der Bevölkerung (73 %). Der Bericht des Statistischen Bundesamtes zeigt, dass die Unterschiede im Erwerbsverhalten besonders bei Frauen stärker ausgeprägt sind. In der Bevölkerung mit Migrationshintergrund liegt der Anteil nicht erwerbstätiger Frauen, die sich v. a. der Erziehung der Kinder oder der Pflege von Familienangehörigen widmen, bei 36,9 %, bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund liegt er bei 26,3 %. In der familienpolitischen Diskussion zur Kinderbetreuung in der ersten Jahreshälfte 2007 spielte dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle. Die vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Daten zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund werden möglicherweise helfen, auch für andere, bisher allgemein diskutierte Probleme die Bedeutung des Migrationshintergrunds zu verstehen.
Eine wichtige und wirksame Form der Integration von Immigranten geschieht innerhalb der Familie, infolge einer binationalen Eheschließung. Bisher war bekannt, dass 6,6 % aller Ehen (1,3 Mio.) in Deutschland binational sind. Anhand der jetzt erhobenen Daten weist das Statistische Bundesamt aus, dass insgesamt 1,9 Mio. Ehen (9,7 % aller Ehen) zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bestehen. In 2,9 Mio. Ehen leben nur Menschen mit Migrationshintergrund zusammen und in 14,8 Mio. Ehen Menschen ohne Migrationshintergrund.
Der Datensatz des Mikrozensus 2005 wird im Sommer 2007 für wissenschaftliche Forschungszwecke zur Verfügung stehen. Die folgenden Wellen des Mikrozensus bis zunächst 2012 werden es ermöglichen, mit jeweils wechselnden neuen Fragen mehr über Strukturmerkmale und spezifische Probleme der Bevölkerung mit Migrationshintergrund zu erfahren.
Die Studie „Bevölkerung mit Migrationshintergrund
- Ergebnisse des Mikrozensus 2005. Fachserie 1 Reihe 2.2, Bevölkerung und
Erwerbstätigkeit. Statistisches Bundesamt: Wiesbaden 2007“ kann kostenlos
als PDF- und als Excel-Datei vom Publikationsservice des Statistischen Bundesamtes
heruntergeladen werden: www-ec.destatis.de
Prof. Ralf E. Ulrich, Direktor des Instituts für Bevölkerungs-
und Gesundheitsforschung, Fakultät für Gesundheitswissenschaften,
Universität Bielefeld