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Studie zur Auswanderung aus Deutschland

Im jährlichen Rhythmus veröffentlicht das Statistische Bundesamt die Daten der deutschen Wanderungsstatistik, die Sorge über die Abwanderung deutscher Staatsbürger aus Deutschland auslösen. Spätestens mit den Ergebnissen für das Jahr 2005, welche die höchste registrierte Abwanderung Deutscher seit 1954 und erstmals seit Ende der 1960er Jahre einen Netto-Wanderungsverlust feststellten, wurde die Wanderungsstatistik zu einem Stimmungsindikator in Deutschland.

Die öffentliche wie auch die akademische Debatte zur Auswanderung aus Deutschland leidet unter dem Mangel an differenzierten wissenschaftlichen Untersuchungen. So ist die internationale Migration deutscher Staatsbürger im Speziellen und die Auswanderung aus hochentwickelten Ländern im Allgemeinen ein bis heute wenig verstandenes Phänomen (vgl. MuB 1/07). Auch wenn die Größenordnung der Auswanderung aus hochentwickelten Ländern bisher meist gering ist, besteht in den betroffenen Ländern die Sorge, dass insbesondere die Leistungsträger einer Gesellschaft dieser den Rücken kehren. Somit ist nicht unbedingt die Quantität der Auswanderung ein Grund zur Besorgnis, sondern deren Zusammensetzung oder Selektivität.

Ausgehend von diesem Problemaufriss hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in einer neuen Studie eine Übersicht über den bisherigen Forschungsstand zur Auswanderung aus Deutschland vorgelegt. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen folgende Fragen: Wer wandert aus Deutschland aus? Veränderte sich die Selektivität der Auswanderung während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte? Welche Motive veranlassen jemanden zu der Entscheidung, ins Ausland zu ziehen? Und wie groß ist der Anteil derjenigen, die dauerhaft im Ausland bleiben?

Ziel der Studie war es, mit der Auswertung einschlägiger Statistiken und der Analyse bereits vorliegender Studien Fragen zur Dynamik, Struktur und Selektivität der Auswanderung aus Deutschland zu beantworten. Seit Ende der 1980er Jahre nimmt die internationale Migration Deutscher stark zu. Wanderten Mitte der 1970er Jahre im Durchschnitt rund 50.000 Personen pro Jahr aus, hat sich diese Zahl bis in die vergangenen Jahre auf fast das Dreifache erhöht (im Durchschnitt der Jahre 2002 bis 2006 139.144 Fortzüge). Somit sind heute sowohl in absoluten Zahlen als auch in Proportion zur Bevölkerung insgesamt deutlich mehr Deutsche international mobil und halten sich zumindest zeitweilig im Ausland auf als noch vor 30 Jahren.

Schwieriger als die Beantwortung der Frage nach dem Umfang der Auswanderung ist die Analyse der Struktur und Selektivität. Die internationale Mobilität Deutscher ist danach gegenwärtig ein städtisches und westdeutsches Phänomen. Die Studie zeigt für die letzten Jahre (2003-2005), dass die alten Bundesländer eine durchgängig höhere Auswanderungsrate als die neuen Bundesländer haben. Doch auch innerhalb der alten Bundesländer gibt es starke regionale Differenzen. In erster Linie weisen die Städte und die grenznahen Kreise die höchsten Auswanderungsraten auf.

[Grafik] Eine wichtige Veränderung zeigt sich auch hinsichtlich der Zielländer deutscher Auswanderer. Hier beschreibt die Studie einen deutlichen Trend der Europäisierung der internationalen Migration von Deutschen. Während sich das Niveau der Abwanderung in die europäischen Nachbarstaaten und in die klassischen Einwanderungsländer (USA, Kanada, Australien, Neuseeland) bis Ende der 1970er Jahre kaum unterschied, steigt es seitdem zugunsten der europäischen Staaten stark an. Heute zieht mehr als die Hälfte der international mobilen Deutschen in einen Mitgliedstaat der Europäischen Union, während der Anteil der Abwanderung in die USA deutlich abgenommen hat (siehe Grafik).

Hinsichtlich der aktuellen Debatte über die Abwanderung von Hochqualifizierten fasst die Studie die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse zusammen. Danach sind die deutschen Auswanderer im Vergleich mit der Bevölkerung insgesamt eine höher gebildete und damit positiv selektierte Gruppe, wobei der Anteil von Hochqualifizierten in den vergangenen Jahren leicht zugenommen hat. Hochqualifizierte stellen unter den ausgewanderten Deutschen zwar nicht in absoluten Zahlen die größte Gruppe, aber zumindest einen deutlich überproportionalen Anteil der Migranten. Auf Basis von Bestandszahlen in den Zielländern kann davon ausgegangen werden, dass 28 % der deutschen Migranten als hochqualifiziert gelten. Dieser Anteil ist höher als bei der deutschen Bevölkerung insgesamt mit rund 20 %. Bei einem Vergleich der Jahre 1990 und 2000 zeigt sich, dass der Anteil hochqualifizierter Personen im Verlauf dieser zehn Jahre um etwa ein Zehntel zugenommen hat. Dieses Ergebnis stimmt auch mit Untersuchungen innerhalb der europäischen Staaten überein, in denen sich der Anteil hochqualifizierter Deutscher zwischen 1992 und 2000 ebenfalls kontinuierlich erhöht hat. Andererseits wird aus den bisherigen Erkenntnissen auch deutlich, dass die meisten Auslandsaufenthalte dieser Gruppe zeitlich befristet und nicht auf Dauer ausgelegt sind. So halten sich beispielsweise vier Fünftel der deutschen Wissenschaftler für weniger als ein Jahr im Ausland auf, und für den Fall der USA lässt sich trotz einer Zunahme von temporären Aufenthalten hochqualifizierter Deutscher keine Zunahme von langfristigen oder dauerhaften Aufenthalten nachweisen. Andreas Ette und Dr. Lenore Sauer, Wissenschaftliche Mitarbeiter des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden

Weitere Informationen:
Die Studie „Auswanderung aus Deutschland. Stand der Forschung und erste Ergebnisse zur internationalen Migration deutscher Staatsbürger“ ist als Materialienband zur Bevölkerungswissenschaft des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Heft 123, erschienen. Kostenlose Bestellung oder Download unter: www.bib-demographie.de

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