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Langzeitstudie: Deutsche weniger fremdenfeindlich

In Deutschland ist die Fremdenfeindlichkeit offenbar zurückgegangen. Die seit 2002 jährlich erscheinende Reihe „Deutsche Zustände“ untersucht das soziale Klima in der Gesellschaft, insbesondere Formen der Ablehnung gegenüber schwachen Gruppen. Der aktuelle 6. Teil der Langzeitstudie dokumentiert einen Rückgang der Vorurteile gegenüber Ausländern, Frauen und Homosexuellen, allerdings auch eine starke Abneigung gegenüber Langzeitarbeitslosen in der deutschen Bevölkerung.

Wolfgang Tiefensee (SPD), Bundesbeauftragter für die neuen Länder, und Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Herausgeber der Studie, stellten die Ergebnisse Mitte Dezember in Berlin vor.

Ziel der von Heitmeyer herausgegebenen Reihe „Deutsche Zustände“ ist die Untersuchung von Ursachen und Folgen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Dazu analysieren Heitmeyer und seine Mitarbeiter gesellschaftliche Entwicklungen, deren subjektive Wahrnehmung in der Bevölkerung und die Zusammenhänge zwischen objektiven Trends und der Abwertung von schwachen Gruppen. Die aktuellen Ergebnisse basieren auf einer im Mai und Juni 2007 durchgeführten Befragung von 2.000 repräsentativ ausgewählten Personen der deutschsprachigen Bevölkerung.

Die Studie zeigt: In der Einstellung der deutschen Bevölkerung 2007 sind Fremdenfeindlichkeit und Etabliertenvorrechte, also die Bevorzugung Alteingesessener, erstmals seit Beginn der Erhebungen 2002 signifikant zurückgegangen. Auch Sexismus weist einen leicht abnehmenden Trend auf, ebenso die Abwertung von Homosexuellen. Auf gleichem oder ähnlichem Niveau bleiben Ablehnungs- und Bedrohungsgefühle gegenüber Muslimen (Islamophobie), Abwertung von Obdachlosen und Behinderten sowie Antisemitismus und Rassismus. Hinsichtlich der rückläufigen Ablehnung von Zuwanderern verweist Heitmeyer auf Parallelen zwischen der erstmals seit Jahren gesunkenen Angst vor Arbeitslosigkeit bzw. vor einer Verschlechterung der finanziellen Situation und der ebenfalls zurückgegangenen Fremdenfeindlichkeit. Eine Längsschnitt-Analyse bestätigt in diesem Zusammenhang eine Kausalbeziehung zwischen der individuellen Arbeitsmarktsituation und Fremdenfeindlichkeit. Infolge einer positiveren Einschätzung der eigenen Situation am Arbeitsmarkt sinke auch die Ablehnung gegenüber Zuwanderern.

Eine neue Gruppe, die die Wissenschaftler erstmalig in die aktuelle Erhebung einbezogen, sind Langzeitarbeitslose. Gegenüber dieser Gruppe äußerten 56 % der Befragten eine feindselige oder abwertende Haltung. Demnach stimmte fast die Hälfte der Befragten der Aussage zu, dass die meisten Langzeitarbeitslosen nicht ernsthaft daran interessiert seien, eine Arbeit zu finden. Etwa 40 % der Befragten waren der Ansicht, in der Gesellschaft würde zu viel Rücksicht auf „Versager“ genommen. Jeder dritte Befragte war der Ansicht, die Gesellschaft könne sich Menschen, „die wenig nützlich sind“, nicht länger leisten. Fast die Hälfte der Befragten gab zudem an, es gebe „Dinge, die wichtiger sind als Beziehungen zu anderen“. Hieraus schließt Heitmeyer, dass wirtschaftlich-funktionale Prinzipien wie Effizienz und Nützlichkeit das Zusammenleben durchdringen und sozial verbindende Einstellungen und Verhaltensweisen an Bedeutung verlieren. Dies spiele eine wichtige Rolle insbesondere für das Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit sowie die Abwertung von langzeitarbeitslosen, obdachlosen und behinderten Menschen. Heitmeyer folgert: „Es braucht keine explizite politische Ideologie (wie z. B. die des Rechtsextremismus), um jene Gruppen der Abwertung auszusetzen. Es reicht eine ökonomisch erzeugte Ungleichheit, die in eine Ideologie der Ungleichwertigkeit umgewandelt wird.“

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Mit sinkendem sozialem Status nehmen die Ressentiments gegenüber Langzeitarbeitslosen zu. Heitmeyer erklärt dies mit dem Bestreben, sich von Personen am untersten Rand der Sozialhierarchie abzugrenzen, indem diesen eine schlechtere Arbeitshaltung zugeschrieben wird als der eigenen Person. up

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände, Folge 6, 2007, ISBN 978-3-518-12525-0, Preis: 12 Euro, Online-Bestellung: www.suhrkamp.de

Weitere Informationen:
www.uni-bielefeld.de/ikg/Feindseligkeit/Einfuehrung.html

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