Am 18. Dezember 2007 hat das Bundesministerium des Inneren (BMI) die Studie „Muslime in Deutschland“ veröffentlicht. In der Untersuchung geht es um die Einstellungen von Muslimen in Deutschland zur Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik und zu politisch-religiöser Gewalt. Die Ergebnisse wurden kontrovers diskutiert.
Aufbau der Studie: Die Untersuchung im Auftrag des Bundesinnenministeriums wurde in vier großstädtischen Ballungsräumen durchgeführt und von den Kriminologen Katrin Brettfeld und Peter Wetzels (Institut für Kriminologie der Universität Hamburg) geleitet. Die 500 Seiten umfassende Studie gliedert sich in vier Teiluntersuchungen. Der erste Teil präsentiert die Ergebnisse einer per Telefonbefragung erhobenen repräsentativen Stichprobe der muslimischen Wohnbevölkerung ab 18 Jahren (1.000 Personen). Für den zweiten Teil wurden muslimische Schüler der 9. und 10. Klassen (500 Personen), für den dritten Teil Studierende befragt (ca. 200 Personen). Zudem wurde eine Gruppe von Erwachsenen aus dem Umfeld muslimischer Vereine und Organisationen mit in die Untersuchung einbezogen (60 Personen).
Ziel der Studie: Die Studie behandelt den „Resonanzboden“ des so genannten hausgemachten Terrorismus („homegrown terrorism“). Es ging darum herauszufinden, inwieweit von bestimmten Teilen der muslimischen Wohnbevölkerung Deutschlands (insgesamt ca. 3 bis 3,5 Mio. Personen) eine Bedrohung für die innere Sicherheit ausgehen könnte. Zudem sollte die Studie Faktoren herausarbeiten, die extremistische Einstellungen begünstigen.
Ergebnisse der Studie: Die Studie bestätigt frühere Untersuchungen, wonach der Religion für in Deutschland lebende Muslime eine sehr hohe Bedeutung zukommt. Etwa 40 % der befragten Muslime wiesen dabei „fundamentale Orientierungen“ auf, d. h. eine hohe Alltagsrelevanz der Religion, die starke Ausrichtung an religiösen Regeln oder „den Islam auf- und westliche, christlich geprägte Kulturen abzuwerten“. Die Autoren betonen jedoch, dass „fundamental orientiert“ nicht gleichzusetzen sei mit islamistischem Fundamentalismus.
Bei 12 % der muslimischen Wohnbevölkerung wurde ein „islamisch-autoritaristisches“ Einstellungsmuster festgestellt. Diese Personen weisen zum einen eine starke moralische Kritik an westlichen Gesellschaften und Demokratien auf. Gleichzeitig befürworten sie die Todesstrafe und Körperstrafen unter Berufung auf islamisches Recht. Bei 6 % der Befragten wurde eine Haltung deutlich, die Gewalt aus politisch-religiösen Motiven akzeptiert. Aufgrund von Überschneidungen der beiden Gruppen liege die Gesamtheit derer, die entweder gewaltakzeptierende oder demokratiefeindliche Haltungen aufweisen, bei etwa 14 % aller in Deutschland lebender Muslime, so die Studie.
Die Autoren weisen darauf hin, dass die Faktoren, die eine solche Haltung begünstigen, für verschiedene Untergruppierungen unterschiedlich sind. Demnach können besonders zwei Risikogruppen unterschieden werden: Die erste Gruppe umfasst wenig gebildete und sozial ausgegrenzte Personen mit persönlichen Diskriminierungserfahrungen und geringen gesellschaftlichen Partizipationschancen. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich häufig um besser gebildete Personen mit guten Sprachkenntnissen und Partizipationschancen, die sich jedoch in einem Prozess der Identitätsfindung befinden. Letztere sind besonders sensibel für Ungerechtigkeiten und nehmen Muslime weltweit generell als unterdrückt wahr. Die Autoren sprechen hier von einer „stellvertretenden Opfererfahrung“.
Die Ergebnisse der Schüler und Studentenbefragung ergänzen die zuvor gemachten Aussagen. So wird in der Studie deutlich, dass junge Muslime „kein signifikant höheres Maß an Autoritarismus/Demokratiedistanz“ aufweisen als nichtmuslimische Vergleichsgruppen. Gleiches gilt für religiöse Intoleranz. Lediglich die Muster unterscheiden sich: Während man bei muslimischen Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen häufiger antisemitische Einstellungen beobachten kann, sind es bei der deutschen Vergleichsgruppe anti-islamische bzw. ausländerfeindliche Haltungen.
Die Studie weist darauf hin, dass sich das wesentliche „Risikopotential unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ befindet, da diese besonders empfänglich für Umorientierungen seien. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass sich aus den Befunden nicht unmittelbar praktische Politikmaßnahmen ableiten ließen und regten eine Diskussion der Ergebnisse u. a. mit muslimischen Verbänden und Organisationen an.
Diskussion: Die Studie löste zum Teil heftige Diskussion in Medien, Wissenschaft und bei muslimischen Verbänden aus. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) kommentierte die Ergebnisse in seinem Vorwort als „ernstzunehmendes islamistisches Radikalisierungspotenzial“ und wies gleichzeitig darauf hin, dass dessen Eindämmung nur in Zusammenarbeit mit den Muslimen in Deutschland gelingen könne.
In einer Pressemitteilung forderte Bekir Alboga, Sprecher des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland (KRM) „einen behutsamen und nicht einseitigen Umgang mit den Ergebnissen dieser Studie“. Er betonte, dass der Islam Demokratiefeindlichkeit nicht fördert. Im Hinblick Bemühungen zur Eindämmung radikaler Tendenzen sagte Alboga: „Wir leisten diese Arbeit seit Jahren und tun dies auf der Basis eines friedlichen Islams, der von der überwältigenden Mehrheit der Muslime hierzulande vertreten wird.“
Verschiedene Wissenschaftler unterstützten diese Position. So sagte Jürgen Mansel vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld, dass es keine Hinweise auf eine höhere Gewaltbereitschaft unter Muslimen oder Zuwanderern gebe. Einig waren sich Forscher auch, dass die schwierige Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft sowie Ablehnungs- und Diskriminierungserfahrungen Gründe für eine stärkere Hinwendung zum Islam sein könnten. me
Weitere Informationen:
www.bmi.bund.de