In der Diskussion: Alterung der Bevölkerung ist unabwendbar, aber gestaltbar

17. Juli 2014

Die Möglichkeiten, die gesellschaftlichen Folgen der demografischen Alterung auszugestalten, gehen über Fragen der internationalen Migration und der Migrationspolitik hinaus. Wichtig sind die Anpassung des Arbeitsmarktes, die Reform der sozialen Sicherungssysteme sowie des Gesundheits- und Pflegebereichs. Ein Umdenken bei der kommunalen Daseinsvorsorge und der Infrastrukturentwicklung ist notwendig.

Die Alterung der deutschen Bevölkerung ist neben ihrer prognostizierten Schrumpfung das entscheidende Charakteristikum des demografischen Wandels. Dies ist insbesondere auf die Alterung der geburtenstarken Jahrgänge aus den 1950er und 1960er Jahren in Verbindung mit einer seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenrate sowie auf die stetig steigende Lebenserwartung zurückzuführen. So wird das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung von aktuell 43 Jahren auf 47 Jahre im Jahr 2030 steigen. Die Zahl der über 65-Jährigen wird im gleichen Zeitraum von 20 % auf 30 % steigen, die der 20-Jährigen von knapp 20 % auf gut 15 % sinken. Auf jeden Rentner oder Pensionär werden zwei erwerbstätige Bürger kommen, der sogenannte Altenquotient wird dann von 1:4 (1970) beziehungsweise 1:3 (2010) auf 1:2 gefallen sein. Die Bevölkerung in den neuen Bundesländern und in Teilen der angrenzenden westdeutschen Gebiete wird stärker altern als im Rest der Republik, im ländlichen Raum stärker als im städtischen. Die Ballungszentren, vor allem die Großräume München, Stuttgart, Frankfurt, Köln und Hamburg, werden als attraktive Arbeitsmärkte das Ziel jüngerer Zuwanderer sein, wodurch der dortige Alterungsprozess verlangsamt wird (vgl. Ausgaben 5/145/07).

Daseinsvorsorge: Die Alterung (wie auch die Schrumpfung) der Bevölkerung wird vor allem Kommunen und Städte vor Herausforderungen stellen. Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime, Wohnanlagen und Stadtquartiere müssen den neuen Altersstrukturen angepasst werden. Dazu bedarf es lokaler Demografiekonzepte und -strategien, wie sie von Kommunen wie der Stadt Bielefeld schon entwickelt und implementiert wurden.

Arbeitsmarkt: Die Zahl der Erwerbsfähigen wie auch die der über 65-Jährigen ist für das Jahr 2030 schon heute recht genau vorherzusagen, wenn man Variablen wie die jährliche Nettowanderung ausblendet. Das Arbeitskräfteangebot auf dem Arbeitsmarkt wird ab dem Jahr 2020 voraussichtlich schrumpfen, sofern die stillen Arbeitsmarktreserven (Frauen, Arbeitslose) nicht mobilisiert, die Lebensarbeitszeit nicht verlängert und internationale Migration nicht verstärkt werden, wie eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle deutlich macht. Auf dem Ausbildungsmarkt wird es zu einem Engpass junger Menschen kommen.

Alterssicherung: Dies hat auch Auswirkungen auf die Alterssicherungssysteme. Rentner und Pensionäre werden sich ab dem Jahr 2030 voraussichtlich auf Nullrunden oder eine einheitliche Grundrente einrichten müssen, es sei denn, die prognostizierte Schrumpfung der Bevölkerung und Wirtschaft wird durch modernisierungsbedingte Produktivitätszuwächse ausgeglichen.

Gesundheit und Pflege: Die flächendeckende medizinische Grundversorgung und die medizinische und pflegerische Versorgung Hochbetagter (>80 Jahre) werden die beiden größten Herausforderungen bilden. Es gilt, Fachkräfteengpässe, insbesondere bei Ärzten und Pflegekräften, zu überwinden und dezentrale sowie flexible Angebote wie mobile Dienste zu entwickeln, wie sie gegenwärtig etwa schon durch die Kassenärztliche Vereinigung im Land Brandenburg getestet werden.

Infrastruktur und Immobilienmärkte: Alternde und schrumpfende Städte und Gemeinden werden ihre bauliche Infrastruktur nicht nur durch Um- und Rückbau anpassen, sie werden auch auf wirtschaftliche Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung reagieren müssen. Immobilienpreise werden in diesen Regionen aufgrund der sinkenden Nachfrage zurückgehen. Kommunen, die rechtzeitig auf altersgerechte, barrierefreie Wohnmöglichkeiten setzen, ermöglichen mehr Partizipation und werden einen Wettbewerbsvorteil haben.

Migration als Lösung: Kann internationale Migration die Alterung, aber auch die Schrumpfung der Bevölkerung abmildern? Berechnungen der UN zeigen, dass Deutschland in der ersten Jahrhunderthälfte jährlich 344.000 Zuwanderer zusätzlich aufnehmen müsste, um die Bevölkerungszahl bei gleichbleibender Abwanderung und Alterung zu stabilisieren, aber 3,6 Mio. junge Zuwanderer bräuchte, um die Quote der 15- bis 64-Jährigen gegenüber der der über 65-Jährigen konstant zu halten (vgl. Ausgabe 5/00). Ersteres scheint möglich, letzteres illusorisch. Die Alterung der Bevölkerung ist also eine unumgängliche, aber gestaltbare Tatsache. 

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