Tipp aus der Redaktion: Keine Koffer – keine Integrationsrhetorik

17. Juli 2014
Sehnsuchtsorte in aller Welt © Robert Pampuch – DHMD
Sehnsuchtsorte in aller Welt © Robert Pampuch – DHMD

Migration hat eine lange Geschichte. Diese Erkenntnis ist mittlerweile auch in den deutschen Museen angekommen. In den letzten 15 Jahren gab es einen wahren Boom migrationshistorischer Ausstellungen. Stadt- und Regionalmuseen, aber auch nationale Institutionen wie das Deutsche Historische Museum in Berlin widmeten sich dem Thema. Aktuell reiht sich die Ausstellung „Das neue Deutschland: Von Migration und Vielfalt“ im Deutschen Hygiene-Museum in diesen Trend ein. Der halb ironische, halb programmatische Titel der Wechselausstellung verspricht viel und hält die meisten seiner Versprechen. Angefangen bei der Themensetzung über die Ausstellungsästhetik und -dramaturgie bis hin zu einem begleitenden Katalog, der als Lesebuch daher kommt, ist hier die stimmige Repräsentation eines oft auch kontroversen Themas gelungen.

Entlang von 19 Themenräumen wird die Zeitgeschichte der Migration nach Deutschland entfaltet, allerdings ohne einer linearen Chronologie oder einem an Migrationsgruppen und -phasen orientierten Verlauf zu folgen. Stattdessen wird das komplexe Geschehen zu thematischen Schlaglichtern historisch-politisch, aber auch künstlerisch verdichtet. Die Geschichte der Migration wird als Kontakt- und Verflechtungsgeschichte dargestellt. Die Besucher erfahren etwas über die mentalen Welten von Migranten (Sehnsüchte, Träume, Sehnsuchtsorte), werden mit den Erfahrungen von Grenzüberschreitungen und Grenzkontrollen, dem zähen Prozedere in der Wartezone Asyl, der gezielten Steuerung von Migration, Arbeit und Bildung im Einwanderungsland, religiöser Vielfalt und Tradition, rassistischer Ausgrenzung und mit Fragen an die Zukunft des Einwanderungslandes Deutschland konfrontiert. Biografische und lebensgeschichtliche Erfahrungen von Migranten wie Einheimischen werden dabei geschickt mit den übergeordneten und offenen Narrativen der Ausstellung, ihrem Konzept und einzelner Ausstellungsensembles verwoben. Das Biografische ist immer sichtbar, ohne aber die sozialen Strukturen und politischen Prozesse sowie das Konfliktbehaftete und Ambivalente dahinter verschwinden zu lassen. Das ist für das Medium Ausstellung, das auf Komplexitätsreduktion und Vereinfachung angewiesen ist, eine nicht zu unterschätzende Leistung.

Impressionen aus der Ausstellung | Fotos: Oliver KilligIm Gegensatz zu einer Reihe von allzu braven Ausstellungen der Vergangenheit, die sich in den normativen Integrationsdiskurs des „Zuwanderungslandes Deutschland“ einreihten, wird in Dresden der Mut aufgebracht, auch politisch strittige Themen anzupacken und Position zu beziehen – beispielsweise zur Frage der Abschottung der EU-Grenze oder zu rassistischen Diskursen und Praktiken in der deutschen Gesellschaft. Dies gelingt in aufklärerischer Absicht, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Durch geschickt ausgewählte Objekte, die gekonnte Einbindung künstlerischer Elemente und kluge Inszenierungen wird dieses Ziel erreicht. Das Leitmotiv der Ausstellung ist das Transitorische von Migration und das Werdende und sich stets Ändernde der Migrationsgesellschaft. Migration wird hier nicht als ein einmaliger Akt der Mobilität zwischen A und B oder gar als Fluchtpunkt für die von Migranten zu erbringende Integration erzählt. Sie wird nicht als Geschichte statischer ethnischer Gruppen präsentiert, nicht als das dem Nationalen paradigmatisch Entgegengesetzte. Sie wird nicht als vorwiegend dramatisch, problembehaftet und außergewöhnlich, sondern beiläufig als normal und nicht konfliktfrei gezeigt. Gerahmt bleibt die Erzählung allerdings überwiegend in den Grenzen des deutschen Nationalstaats, die transnationalen und internationalen Verflechtungen bleiben weitgehend außen vor.

Der Bruch mit allzu eingeübten Betrachtungsweisen und Blickrichtungen zeigt sich auch in der ästhetischen Umsetzung des Konzepts. Sie wird von rauem, unbearbeitetem Holz dominiert, vorwiegend in Form von Holzkisten, wie sie für Großtransporte und Umzüge genutzt werden. So entgeht man der in migrationshistorischen Ausstellungen überstrapazierten Kofferästhetik, ohne auf ein Symbol der Mobilität verzichten zu müssen. Die kleinen symbolischen Brechungen und Ironisierungen – die aus leeren Milchpackungen gebaute blaue Moschee, die aus bunten Bauklötzen erstellten Statistiken oder der aus Schweden während der letzten Eiszeit nach Sachsen per Gletschergeröll „eingewanderte“ Steinbrocken – geben der Ausstellung den letzten Dreh.

Impressionen aus der Ausstellung | Fotos: Oliver KilligDes Rezensenten Leid ist, nicht kritteln zu können. Aber halt! Da war noch etwas. Betrachtet man die Ausstellung im Kontext des Hauses – wer hätte gedacht, dass ausgerechnet das Hygienemuseum, nicht etwa zeitgeschichtliche Foren, sich des Themas so erfolgreich annimmt? – wäre eine Verknüpfung dieser temporären migrationshistorischen Ausstellung mit der Dauerausstellung des Hauses durchaus möglich und wünschenswert gewesen, und zwar wenigstens in zwei Bereichen: Mobilität im weitesten Sinn, sei es die körperliche oder die Verkehrsmobilität, wird auch in der Dauerausstellung thematisiert. Hier hätte es ohne große Phantasie Anknüpfungspunkte zum Thema Migration gegeben. Noch mehr gilt dies aber für das Thema Rassismus. Das Hygienemuseum thematisiert die eigene Geschichte und Rolle in der rassenhygienischen Bewegung Deutschlands in seiner Dauerausstellung kritisch. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Bogen zum institutionellen und zum Alltagsrassismus der Gegenwart oder auch zu den Reinheits- und Homogenitätsvorstellungen zu ziehen, die aus nationalen Diskursen resultieren und diese prägen. Die Vorstellungen und ideologischen Annahmen über den „Volkskörper“, über Rassenhygiene oder über die „reine“ Nation waren und sind immer auch mit Diskursen über Fremde, Minderheiten und Migration verbunden.

Bleibt noch ein Lob für die begleitenden Publikationen. Die Entscheidung, weder einen klassischen Ausstellungskatalog noch einen als Katalog getarnten Sammelband mit langen Fachaufsätzen zu veröffentlichen, sondern eine Publikation mit knapp 60 kurzen Essays zu Kernbegriffen der Debatte über Migration und Vielfalt, ist eine gekonnte Krönung der Ausstellung. Der von Özkan Ezli und Gisela Staupe herausgegebene Band versammelt unter anderem mit Feridun Zaimoğlu, Werner Schiffauer, Lale Akgün oder Claus Leggewie ausgewiesene Kenner des Themas als Autoren und erschließt mit seinem Konzept terminologisch die politischen Diskurse und die Erinnerungslandschaft der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Auch die begleitende Zeitung „Das neue Dresden: Geschichten von Menschen, die unterwegs sind“ lohnt die Lektüre. Hier wird das Thema lokalhistorisch und -politisch eingebettet. Die Ausstellung selbst versucht dies zwar auch schon in der Einheit „Sächsische Migrationsgeschichten“. Doch wirkt diese Ausstellungseinheit eher gewollt und fällt im Gesamtkontext ab.

Impressionen aus der Ausstellung | Fotos: Oliver KilligSumma summarum: die Reise nach Dresden lohnt sich. Die Ausstellung wirft einen erfrischenden Blick auf die Migration und ihre Geschichte. Sie bereitet das Thema verständlich und intellektuell anregend auf. Sie zeigt das Wechsel- und Spannungsverhältnis von Geschichte und Gegenwart auf. Und sie lässt Raum für Fragen an die Zukunft der deutschen Gesellschaft als eine durch (zunehmende) Vielfalt geprägte Gesellschaft. Das Verdienst und das Lob gilt dem Museum, den Gestaltern und Kuratoren, aber auch dem Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz, das das Vorhaben konzeptionell und beratend begleitet hat. Rainer Ohliger, Netzwerk Migration in Europa e.V.

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. Oktober 2014 im Deutschen Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr

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